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New Work:„Die Utopie ist eher eine grobe Skizze“

Stefanie Hornung ist freie Journalistin und Autorin. Sie schreibt für unterschiedliche Medien im Bereich New Management, New Work und HR. Im Interview spricht sie über die Macht alter Strukturen, den Kickertisch als Symbol für oberflächliche Veränderung und die Rolle des träumenden Utopisten.

Ein Gastbeitrag von Klaus Reeder

Stefanie Hornung
Die freie Journalistin und Autorin Stefanie Hornung untersucht seit etwa dreieinhalb Jahren zusammen mit zwei Unternehmensberatern neue Vergütungsansätze in Organisationen. Im Jahr 2019 erschien dazu das gemeinsame Buch „New Pay“ in der ersten Auflage. (Foto: Hornung)

Sie beschäftigen sich schon seit mehreren Jahren intensiv mit New Work. Was verstehen Sie unter dem Begriff?

Hornung: Diese Frage ist immer ein bisschen schwierig zu beantworten, denn es gibt keine klare Definition von New Work. Grundsätzlich würde ich das Thema aber auf zwei verschiedene Sichtweisen herunterbrechen: Zum einem auf den Ansatz des Philosophen Fritjof Bergmann, der den Begriff „Neue Arbeit“ aufgebracht hat. Ihm geht es um eine Art Selbstentfaltung, indem wir herausfinden, was wir wirklich wirklich tun wollen – das doppelte „wirklich“ ist dabei Teil des Konzepts. Wenn wir uns die Unternehmen heute ansehen, dominiert ein anderes Verständnis. Da ist New Work ein Organisationsprinzip. Die Idee dahinter geht zwar teilweise noch auf Fritjof Bergmann zurück – vor allem im Hinblick auf den Freiraum zur Entfaltung – aber meistens liegt der Fokus darauf, stärker selbstorganisiert und kollaborativ zu arbeiten. Oft verschwimmt New Work hier mit Ansätzen von agilem Arbeiten.

Glaubenssätze aus dem Industriezeitalter ablegen

Wie würden Sie die Utopie New Work beschreiben? Ist es die Symbiose aus diesen beiden Perspektiven dann die ultimative Utopie New Work?

Hornung: Eine ultimative New-Work-Utopie gibt es für mich nicht. Aber es ist schon in gewisser Weise ein utopischer Gedanke, dass wir aktuelle Arbeitsformen und Glaubenssätze, die noch aus dem Industriezeitalter kommen, verändern oder ablegen können. Obwohl wir heute mit der digitalen Transformation viel mehr Wissensarbeit haben, halten sich alte Strukturen hartnäckig. Die Utopie besteht für mich darin, die Arbeitswelt für veränderbar zu halten und zu überlegen, wie neue Lösungen aussehen könnten. Wir kennen zum Beispiel das Bild der klassischen Karriereleiter, bei der sich Erfolg am hierarchischen Aufstieg ablesen lässt. Das führt dazu, dass Menschen, statt sich auf ihre Talente zu fokussieren, Machtspielchen perfekt zu beherrschen lernen. Es ist sicherlich eine utopische Vorstellung, dass wir diese Mechanismen komplett überwinden können, um unsere Potentiale optimal auszuschöpfen.

Sind solche Elemente von New Work schon in der Arbeitswelt vorhanden? Gibt es bereits Entwicklungen hin zur Utopie?

Hornung: Viele Unternehmen nutzen das Label „New Work“. Beim genaueren Hinschauen beobachten wir da aber eher oberflächliche Veränderungen. Der vielzitierte Kickertisch gehört dazu oder auch die Duz-Kultur. Wenn es um tiefer gehende Formen von New Work geht, hängt viel von der Unternehmensgröße ab. In größeren Unternehmen sind radikale Veränderungen selten. Da gibt es im Sinne von Graswurzelbewegungen kleinere Netzwerke, die anders arbeiten wollen.

Oft bleiben diese New-Work-Inseln aber isoliert. Das Top-Management und andere Teile des Unternehmens laufen weiter nach Prinzipien der „alten Welt“ und erweisen sich dabei als sehr geschickt darin, sich mit den New-Work-Vorreitern zu schmücken, aber echten Wandel zu umgehen. Die mutigeren Ansätze, die Probleme von Bürokratie oder Obrigkeitshörigkeit an der Wurzel packen, sieht man häufiger bei kleineren Organisationen und Start-ups. Letztere haben den Vorteil, dass sie auf der grünen Wiese anfangen und leichter gegensteuern können, wenn sich neue Ansätze als nicht hilfreich erweisen. Sobald diese Organisationen wachsen, wird die Sache deutlich schwieriger.

Auseinanderdriftende Realitäten

Wurde aus Ihrer Perspektive während der Pandemie ein Schritt nach vorne gemacht in Sachen New Work? Gab es hier einen Schub?

Hornung: In Sachen Homeoffice auf jeden Fall. Ich würde es aber nicht unbedingt als Schub für New Work bezeichnen, auch wenn die beiden Begriffe teilweise synonym verwendet werden. Es gibt durchaus Unternehmen, die aus den Pandemie-Bedingungen gelernt haben und versuchen eine neue Führungskultur oder neue Strukturen aufzubauen. Das liegt aber teilweise auch daran, dass sie mit ihren Kontrollmechanismen fürs Homeoffice nicht schnell genug hinterherkamen. Inzwischen haben manche Unternehmen alte Kontrollmechanismen mithilfe neuer Technologie aufs Homeoffice übertragen.

Es gibt noch zu wenig Studien über das tatsächliche Ausmaß der verschiedenen Herangehensweisen. Aktuell ist es deshalb zu früh, um zu bewerten, wie stark die Corona-Situation flächendeckend zu einer neuen Art zu Arbeiten führt. Insgesamt scheinen die Unternehmenskulturen in der Arbeitswelt immer mehr auseinanderzudriften: Eine New-Work-Kultur mit einem hohen Grad an Freiheit und Flexibilität in einer hybriden Arbeitskultur auf der einen Seite, und eine völlig andere Arbeitsrealität, in der von all dem sehr wenig zu spüren ist.

Haben Sie den Eindruck, dass Journalisten und Journalistinnen in der Berichterstattung mit Utopien bzw. Dystopien arbeiten, um New Work darzustellen?

Hornung: Unabhängig von der Pandemie habe ich den Eindruck, dass es im Journalismus bei der Darstellung von New Work verschiedene Schwerpunkte gibt. Einerseits die Fokussierung auf den Neuheitswert: Wenn Unternehmen beispielsweise etwas machen, das exotisch klingt – wie Führungspositionen abzuschaffen oder ein Wunschgehalt einzuführen. Dabei hinterfragen Journalisten diese Ansätze oft gar nicht. Anderseits beobachte ich den Hang zum Meinungsjournalismus, der ein bisschen dystopisch ist: Journalisten konzentrieren sich dann stark auf die negative Sicht und nehmen eine Gegenposition ein. Mögliche Schwierigkeiten bei der Umsetzung führen sie als Argument dafür an, dass die New-Work-Ideen nichts bringen und die altbewährte Art und Weise zusammenzuarbeiten sich nicht ändern lässt. Journalisten, die ihre persönlichen Utopien und Dystopien beschreiben, begegnen mir seltener. Und wenn, dann in Form von Gedankenspielen – etwa was der Einheitslohn für den Gender Pay Gap bedeuten oder was der 5-Stunden-Tag mit uns persönlich machen würde.

New Work: Emotionale Kurve in den Medien

Wie nehmen Sie die aktuelle Berichterstattung über das Homeoffice im Kontext New Work wahr?

Hornung: Mein Eindruck ist, dass zu Beginn der Pandemie viele skeptisch waren. Da war die Frage: Wie soll das gehen? Da ging es ganz viel um Technik und Tools, die für viele völlig neu waren. Etwas später ist das in Euphorie umgeschlagen. Man hat gemerkt, das funktioniert irgendwie und die Leute arbeiten doch noch etwas, auch wenn sie zuhause sind. Das war ein starkes Gefühl, das die Hoffnung nährte, da passiert echt mal etwas, das vielleicht auch nach der Pandemie bleibt.

Nach dem Sommer kam dann die Ernüchterung. Die Vorstellung, wieder ausschließlich im Homeoffice zu sein, klang nicht mehr verlockend. Da hat man eine gewisse digitale Erschöpfung gespürt. Diese emotionale Kurve hat sich in den Medien widergespiegelt. In der zweiten Jahreshälfte häuften sich Geschichten über die Schattenseiten von Homeoffice. Inzwischen sehe ich eine durchaus differenzierte Betrachtung, die gekennzeichnet ist von der Suche nach einem Patentrezept für das Wechselspiel von Flexibilität bieten, aber auch Nähe unter Kollegen schaffen. Da gibt es aber gerade noch mehr Fragen als Antworten.

Wie sehen Sie die Berichterstattung im Vergleich vor und während der Corona-Krise? Hat sich da grundlegend etwas verändert in der Sichtweise auf das Thema New Work?

Hornung: Nicht wirklich. Journalisten der Publikumspresse nehmen das Thema New Work eigentlich nur am Rande wahr. Hier ging es im Lauf der Corona-Krise vor allem um die Arbeitsbedingungen im Homeoffice und was wir davon ins „New Normal“ retten können, wie Führung auf Distanz funktioniert und wie viel Kontrolle wir da noch brauchen. Themen wie Methoden der Organisationsentwicklung, agiles Arbeiten oder Selbstorganisation bleiben weitgehend der Fachpresse vorbehalten. Das war auch schon vor Corona so. Diese Themen haben in der Pandemie eher geruht, auch in Fachmedien. Natürlich spielte man auch hier Homeoffice von A bis Z, während vorher Recruiting von Personal und Fachkräftemangel stärker im Vordergrund standen. Insgesamt ist der Begriff Homeoffice inzwischen schon fast etwas überreizt. Das sehen wir daran, dass jetzt neue Aufhänger gefragt sind. Ich vermute, dass nun wieder grundlegende New-Work-Fragen zu Themen wie Agilität, Projektarbeit, Arbeitsplatz- und Arbeitszeitautonomie auf die Agenda kommen.

Träumen erlaubt?

Glauben Sie, dass Journalisten und Journalistinnen träumen und in der Berichterstattung durch Utopien emotionalisieren dürfen?

Hornung: Auf jeden Fall. Warum nicht? Wenn man das tut, sollte man aber die Rolle des träumenden Utopisten von dem des Journalisten trennen – etwa, indem man durch die Beitragsform Kommentar klarmacht, dass es um die persönliche Meinung geht. Mir persönlich sind Utopien meist zu sehr als Blaupause gedacht. Das birgt die Gefahr, dass eine abstrakte Idee zum Glaubenssatz wird und uns die Kritikfähigkeit raubt. Als Journalisten sollten wir uns dem verpflichtet fühlen, was ist. Und dazu gehört auch, Dinge abzuwägen, Dilemmata deutlich zu machen und Fehlentwicklungen aufzuzeigen. Doch auch wenn wir die Wirksamkeit von Formen alter und neuer Arbeit hinterfragen, schließt das nicht aus, mit konstruktiven Lösungen Denkanstöße zu geben. Es gilt, die wichtigen Fragen der Zeit zu stellen, auch in Bezug auf die Arbeitswelt. Die Utopie ist dann eher eine grobe Skizze der Zukunftsbewältigung

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