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Vom Kampf gegen unsichtbare Feinde: Wie Metaphern in der Corona-Berichterstattung unsere Wahrnehmung beeinflussen

Krieg sollte, nein ist ein Ausnahmezustand. Die Zitate im Titelbild sind aus einem Zeitraum solcher Ausnahmen. Dem Beginn der Corona-Pandemie. Jedoch handelt es sich um einen Virus nicht einen Krieg. Warum also verwenden Politiker und Journalisten solche Metaphern?

Die kurze Antwort: Emotionen leiten uns. Nicht erst seit Donald Trump wissen Wirtschaftsökonomie um den Wert der Gefühle. Auch im Journalismus und der Bakteriologie sind Emotionalisierungen kein neues Thema. Schon Robert Koch skizzierte, laut einem Artikel des Deutschlandfunks, nach der Entdeckung, der für den Milzbrand verantwortlichen Bakterien (heute Anthrax), diese als
Eindringlinge und Feinde. Damals wie heute wird deren Verwendung kritisch diskutiert. Denn die Art und Weise, wie über die Corona-Pandemie berichtet wird, beeinflusst, wie die Menschen die Ereignisse wahrnehmen. Deshalb müssen sich gerade Kommunikateure fragen, wie sie mit Kriegs- und Krisenmetaphern umgehen.

Metaphern – Bilder in unseren Köpfen

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Die Corona-Pandemie ist nicht die erste Krise, in der Kriegsund Krisenmetaphern Konjunktur feiern. So kreidet ein Artikel der Deutschen Welle bereits vor etwa zwanzig Jahren, etwas mehr als einen Monat nach den Anschlägen des 11. September, eine “rhetorische Aufrüstung” an. Damals ist das Sprachbild der “Krieg gegen den Terror”, gegen einen “Feind im Schatten”. Heute, in Zeiten der Pandemie, ist es der “Kampf gegen das Virus”, gegen einen “unsichtbaren Feind”.

Was Politikwissenschaftler Ulrich Sarcinelli in besagtem Artikel damals äußert, kann in Teilen wohl auch für die aktuelle Krise gelten: “Die Bevölkerung wartet darauf, im Problemnebel ein Fernglas zu bekommen”. Politiker müssten zeigen, dass sie die Dinge im Griff haben.” Deshalb kommt es in konflikthaften Zeiten auf starke Symbole an, aber es fehlt die Zeit, über die Konsequenzen ausreichend nachzudenken”. Nicht nur nach den Terroranschlägen des September, auch während der Pandemie gibt es einen “Nebel an Problemen”, aus Ungewissheiten, Angst und rasend schnellen Veränderungen, in dem sich die Menschen nach Orientierung sehnen. Auch hier wollen Politiker zeigen, dass Sie die Dinge im Griff haben, müssen sie großteils aber auch erst noch in den Griff bekommen, indem sie die Verbreitung des Virus verhindern. Damit das geschieht, müssen sie die Bevölkerung dazu bringen, verantwortungsvoll zu handeln und sich an die Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona Pandemie zu halten.

Und hierfür dienen ihnen – unter anderem – Kriegsmetaphern. Denn die Sprachbilder unterstützen bei der Verarbeitung von Sprache: “Metaphern helfen uns, komplexen oder sensiblen Informationen einen Sinn zu geben. Indem sie uns eine Struktur bieten, wie wir denken sollen, weisen sie uns darauf hin, was das Problem ist und wie daher die Lösung aussehen sollte”, beschreibt ein Artikel des Public Interest Research Centre deren Funktion (übersetzt aus dem Englischen mit DeepL).

Metaphern im Kriegs-Kontext, die von Politikern gebraucht werden, mobilisieren und schaffen Geschlossenheit, erklärt der Historiker Prof. Dr. Andreas Rödder im Interview. Beides erleichtere das Regieren in Krisensituationen ungemein. Drastische Sprache verdeutlicht den Ernst der Lage, legitimiert drastische Maßnahmen. Dementsprechend verlockend dürfte deren Gebrauch also sein – doch schon vor zwanzig Jahren warnt der Politikwissenschaftler Ulrich Sarcinelli im Kontext des 11. Septembers davor: “Solche Symbole waren zunächst funktional, sie können bei einer veränderten Lage aber zum Problem werden”.

Und zum Problem werden können sie auch heute noch. Denn Metaphern “malen Bilder in unsere Köpfe. Sie veranschaulichen eine Botschaft. Wecken Emotionen und Assoziationen. Bleiben uns lange im Gedächtnis. Und beeinflussen unser Denken und Handeln. […] Metaphern verbinden sinnliche Erfahrungen mit Emotionen. Und wirken damit länger und effektiver”, formuliert Susanne Kratzenberg, Creative Director bei New Communication.

Welche Bilder Kriegsmetaphern im Pandemie-Kontext malen, beschreibt Marcel Vondermaßen, Akademischer Mitarbeiter am Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften der Universität Tübingen, in einem Beitrag in der Fachzeitschrift Wissenschaft und Frieden:

Da Kriege hauptsächlich zwischen zwei Staaten stattfänden, verstärkten Kriegsmetaphern nationalstaatliches Denken sowie ein Gefühl von “wir vs. die anderen”. Eine Folge dieses nationalstaatlichen Denkens habe sich bereits in Europa gezeigt, als sich die Regierungen entschlossen, den grenzüberschreitenden Verkehr einzustellen, obwohl das Virus bereits in den einzelnen Staaten ausgebrochen war. Auch suggeriere die Assoziation mit dem Krieg, es gebe einen klaren Gegner mit einem Willen, gegen den man entweder gewinnen oder verlieren, oder mit dem in Friedensverhandlungen gehen könne. Andere Lösungen erscheinen im Kriegs-Kontext nicht als Option. Zudem implizierten Militär-Metaphern ein hierarchisches Verständnis von Führung.

Die Problematik, die hinter genannten Punkten steckt, fasst Vondermaßen folgendermaßen zusammen: “Die Kriegsmetapher verstärkt den Drang zu einem Sieg über den Feind, dem alles andere unterzuordnen sei. Dazu zählen auch Kritik, Zweifel und Skepsis”. Weitergehend warnt er: “Gerade weil die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie extrem sind, sollten sie von einer kritischen Öffentlichkeit begleitet und immer wieder hinterfragt werden. Der Vereinigungsdruck, den eine Kriegsmetapher auslöst, führt leicht dazu, ein Infragestellen oder den Widerstand gegen Maßnahmen als Verrat zu diffamieren”.

Elisabeth Wehling, Sprachwissenschaftlerin und Kognitionsforscherin, merkt im Interview mit dem NDR noch einen weiteren Punkt an: “Wenn der Mensch aufgrund der Corona-Pandemie sowieso schon in Angst und Schrecken ist und man im nächsten Moment linguistisch noch einen drauf legt, indem man sagt, ‘Wir sind auch im Krieg!’, kann das natürlich den Effekt haben, dass man nicht nur die Gefahr benennt, sondern dem Menschen durch solche Metaphorik auch zusätzlich […] psychologischen Stress produziert”.

Aber auch Krisenmetaphern und -begrifflichkeiten, ja sogar die Metapher der Corona-Krise selbst, fördern falsche Logiken, schreibt Anatol Stefanowitsch, Professor für Sprachwissenschaft am Institut für Englische Philologie der Freien Universität Berlin, in einem Online-Beitrag der Friedrich Ebert Stiftung: Eine Krise sei eine vorübergehende, zeitlich begrenzte Notlage, in das man unverschuldet geraten sei, aus der man aber auch gestärkt hervorgehen könne. Letzteres verleite dazu, lieber über die Zeit nach der Pandemie zu reden, anstatt darüber wie sie einzudämmen wäre. Das Virus als Auslöser rücke in den Hintergrund. Außerdem verstelle die Krisenmetapher den Blick auf die entscheidende Frage, ob die Pandemie und ihre Auswirkungen tatsächlich zeitlich begrenzt sei und ob unsere Handlungen tatsächlich dazu beitragen, sie einzudämmen und abzufedern. Stefanowitsch sieht dies kritisch: “Statt die Veränderungen in unserer Umwelt – die Zerbrechlichkeit unseres Wirtschaftssystems, den Klimawandel, Flüchtlingsbewegungen und Pandemien wie Corona – als krisenhafte Ausnahmesituationen zu sehen, müssen wir sie vielleicht als Normalzustand begreifen”.

Die Metaphern in der Corona-Berichterstattung beeinflussen also, wie wir Nachrichten aufnehmen, indem sie die Ereignisse framen. Somit vermögen sie, unsere Wahrnehmung zu manipulieren. Daher stellt sich die Frage, wie Journalisten, die diese transportieren, mit Kriegs- und Krisenmetaphern umgehen sollten.

Metaphern als effektives Mittel journalistischer Berichterstattung?

Sprache ist laut dem digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache ein “historisch entstandenes und sich entwickelndes System verbaler Zeichen, das einer bestimmten Einheit, Gliederung der menschlichen Gesellschaft als Kommunikationsmittel sowie als Instrument des begrifflichen Denkens dient und das die Fixierung und Speicherung des erworbenen Wissens ermöglicht.” Die Aufgaben des Journalismus beschreibt der Mitteldeutsche Rundfunk frei nach dem Journalisten Walter von La Roche als:

  • Recherchieren und Dokumentieren.
  • Formulieren und Redigieren.
  • Präsentieren.
  • Organisieren und Planen.

Also haben Journalisten keinerlei Verantwortung? Konstruieren sie doch nur ein Abbild der Wirklichkeit und Gatekeeping ist, in Zeiten von Social Media, eine steinzeitlich anmutende Theorie. Natürlich nicht, denn unabhängig von Zitaten ist es Journalisten freigestellt, ob und wie sie über ein Thema berichten und welche Worte sie dafür wählen. Für Annette Klosa-Kückelhaus, Leiterin des Programmbereichs Lexikographie und Sprachdokumentation des Leibniz Institut für deutsche Sprache, “sind Metaphern ein zentrales Gut jeder Sprache und Gesellschaft”. Damit sind sie auch aus der journalistischen Berichterstattung nicht wegzudenken und sollten weiterhin Verwendung finden. Speziell Kriegs- und Krisenmetaphern können hierbei Aufmerksamkeit schaffen und den Ernst der Lage verdeutlichen. Anders sieht das der bereits zitierte Vondermaßen:

Die Corona-Pandemie ist eine Krise, die zwar klare Vorgaben und Vorschriften braucht. Sie ist aber auch eine Krankheitswelle, die andere Bilder und Vergleiche als die mit Kriegshandlungen benötigt. Ein Fokus auf Kriegsmetaphern verhindert, dass wir den gesellschaftlichen Blick auf jene Werte legen, die zur Bewältigung der Krise unverzichtbar sind: Eigenverantwortung, Fürsorge, Empathie, Kritikfähigkeit. Die Corona-Krise, in all ihren Facetten, darf nicht militarisiert, sie muss, im Gegenteil, zivilisiert werden.

Marcel Vondermaßen

Einfach mal nachdenken

Festhalten lässt sich also das Metaphern verschiedene Wirkungen zeigen. Konkrete Handlungsempfehlung zum Umgang mit den sprachlichen Bildern sind für Journalisten schwer zu treffen. Einen Anhaltspunkt für gutes journalistisches Arbeiten in der Krise gibt Markus Reiter, Schreibtrainer und Neurowissenschaftler, im Interview mit der ARD.ZDF Medienakademie:

Grundsätzlich sollten Journalisten bedenken: Es gibt Wörter, die direkt auf die Amygdala zielen. Das ist das Angstzentrum des Gehirns. Die Amygdala kennt nur drei Reaktionsmöglichkeiten: erstarren, flüchten oder angreifen. Keine davon ist im Augenblick hilfreich. Eine gemäßigtere Wortwahl würde eher den Präfrontalcortex anregen, jenes Hirnareal, das für rationale Abwägung zuständig ist. Auch in der Krise müssen die journalistischen Metaphern stimmen. Medienarbeiter*innen sollten, auch wenn es gerade hektisch wird, zweimal nachdenken, wie sie etwas ausdrücken.

Markus Reiter

Egal ob Kommunikateure Metaphern verwenden oder nicht, sich deren Wirkung bewusst zu sein und deren Gebrauch zu reflektieren ist bereits erste Schritt. Denn sie tragen nicht nur eine Verantwortung für die Reputation eines Medium, sondern auch für das Wohl der Gesellschaft.