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Wie Roboterjournalismus sich auf die Medienlandschaft auswirkt

Maschinen und Algorithmen haben mittlerweile in immer mehr Lebensbereichen ihren Platz gefunden, die ursprünglich den Menschen vorbehalten waren. Das führt auch im Journalismus dazu, dass Algorithmen immer mehr Aufgaben übernehmen.

Ein Gastbeitrag von Jessica Herfel

Dabei spielt in der Gegenwart und in der Zukunft vor allem der Roboterjournalismus eine entscheidende Rolle. Doch zu fragen bleibt, was mithilfe des Roboterjournalismus jetzt schon möglich ist, welche Auswirkungen seine Nutzung auf die Medienhäuser und den Journalistenberuf hat und ob Roboterjournalismus die Zukunft sein wird.

Roboterjournalismus beschreibt einen Journalismus, bei dem Texte nicht mehr von Menschen, sondern von Algorithmen geschrieben werden. Dazu werden als Grundlage Datensätze verwendet, die der Algorithmus nach festen Grundsätzen und Regeln zusammensetzt. Bisher entstehen so vor allem Nachrichten, denen Zahlen und Fakten als Fundament dienen. Das umfasst Ressorts wie Wetter, Verkehr, Sport oder Finanzen.

Die große Menge bereitgestellter Informationen verarbeitet ein Algorithmus in kürzester Zeit in einen idealerweise gut lesbaren Text. Ein menschlicher Redakteur legt hierbei jedoch im Vorfeld fest, welcher Dramaturgie der Beitrag folgen soll und welche Formulierungen in welchem Zusammenhang verwendet werden. Damit in den unzähligen generierten Texten nicht immer wieder gleiche Textbausteine zu lesen sind, werden bei der Einrichtung des Systems verschiedene Beschreibungen hinterlegt.

Erweiterung statt Erleichterung

In Deutschland werden solche Dienste für Medienhäuser beispielsweise von Firmen wie AX Semantics und Retresco angeboten. Saim Alkan, CEO von AX Semantics, erklärt im Interview, dass ihre Software dem Journalisten jedoch nicht unbedingt seinen Job erleichtert. Er sieht das Ganze eher als eine Art Erweiterung. „Journalisten müssen sich dadurch beispielsweise nicht mit dem Zurechtstutzen von Technik-PR-Meldungen beschäftigen. Denn solche Tätigkeiten kann von A bis Z die Maschine erledigen, wodurch die Journalisten dann Zeit haben, die große Technik-Story zuschreiben“, so Alkan. Der Roboterjournalist ermöglicht selbst in kleinen Orten Lokalberichterstattung und macht die Massenproduktion von Texten möglich, für die sich so nicht genug Journalisten finden würden.

Pete Clifton, Chefredakteur von PA Media, bestätigt, dass durch eine kleine Anzahl zusätzlicher Journalisten die Produktion von lokalen Geschichten unterstützt werden kann. „In der Welt, die wir kannten, suchte jede Lokalzeitung ihren eigenen Zugang zu einem Thema. Jeder Journalist schrieb auf Basis derselben Fakten eine zumindest leicht andere Geschichte“, so die Nachrichten-Webseite netzpolitik.org. In Großbritannien, so heißt es dort, zeichnet sich nun ein neuer Weg ab. Auch lokale Nachrichten werden nun alle aus der gleichen Vorlage und dem gleichen Blickwinkel geschrieben.

Glaubwürdigkeit und Qualität von Robotertexten

Journalisten unterliegen oft der Kritik von voreingenommener Berichterstattung und dem Vorwurf der „Lügenpresse“. Dadurch erfahren journalistische Texte zwangsweise immer mehr negative Reaktionen und den Verlust von Glaubwürdigkeit. Beim Roboterjournalismus hingegen sieht das anders aus. In einer Studie über automatisierten Journalismus haben die Kommunikationswissenschaftler Dr. Andreas Graefe und Professor Hans-Bernd Brosius festgestellt, dass die Leser computergenerierte Texte als glaubwürdiger einstufen.

Bei der Untersuchung wählten die Wissenschaftler zwei journalistische Texte: einen über die Kursentwicklung eines Autozulieferers und einen anderen über ein Fußballspiel. Zu den gleichen Themen wurden vom Fraunhofer Institut für Kommunikation, Informationsverarbeitung und Ergonomie Texte von einem Algorithmus erstellt. Rund 1000 Teilnehmer wurden gebeten, jeweils einen Finanz- und einen Sporttext nach seiner Qualität zu bewerten. Jeder Text hatte dabei eine Notiz beigefügt, ob er von einem Roboterjournalisten oder einem menschlichen Journalisten kam. Jedoch waren diese Angaben bei manchen Texten bewusst verfälscht worden. Die Leser bevorzugten die Robotertexte vor allem dann, wenn sie annahmen, dass diese von einem menschlichen Journalisten stammten. Dabei sprachen die Testpersonen bei den von Menschen geschriebenen Beiträgen zwar von einer besseren Lesbarkeit, in der Glaubwürdigkeit schnitten jedoch automatisiert erstellte Texte besser ab.

Algorithmus statt Shakespeare

Laut Graefe sind die computergenerierten Texte sehr daten- und faktenlastig. „Die Sätze sind meist kurz und die Texte enthalten sehr viele Zahlen“, so Graefe. Es könne vielleicht daran liegen, dass Leser bei Finanznachrichten wahrscheinlich im Allgemeinen auch keine lebendige Sprache erwarten. Außerdem hieß es, dass die Leser kaum einen Unterschied zwischen computergenerierten und handgeschriebenen Texten erkennen würden.

Das bestätigt auch ein Test der New York Times. Dabei veröffentlichte die US-amerikanische Tageszeitung zunächst acht Texte und befragte anschließend die Leser, welche von einem Menschen und welche von einem Computer stammen. Unter den Texten war beispielsweise ein Gedicht, von dem eine Wissenschaftlerin im Anschluss sagte, dass es wie von Shakespeare klingen würde. Dabei arbeitet die Maschine jedoch lediglich mit Textbausteinen von Shakespeare, nutzt seine Formulierungen und ordnet diese neu. Ebenfalls für die Qualität von Roboter-Texten spricht der Lokaljournalistenpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung, welchen die Jury der Stuttgarter Zeitung am 07.06.2018 für einen automatisiert erstellten Feinstaubbericht verlieh.

Erstellt hatte den Text die Software von AX Semantics. Die Begründung für die Auszeichnung in der Kategorie Datenjournalismus lautete: „Die Redaktion nutzt moderne Technik und datenjournalistische Mittel als Werkzeuge, um ihre journalistische Kompetenz bei einem politisch brisanten Thema auszuspielen: Big Data im Lokalen“. Alkan freut sich über die Anerkennung, die seiner Software durch den Journalistenpreis zuteil wird. Er glaubt, dass dadurch die Tür zur Zukunft des Journalismus weit geöffnet wurde und ist gespannt, was die weitere Zukunft bringt.

Roboterjournalismus löst Journalisten nicht ab

Roboterjournalisten schreiben rund um die Uhr Texte, und das jeden Tag auf dem gleichen Niveau. Wenn sie einmal richtig programmiert wurden, machen sie fast keine Fehler mehr und arbeiten schneller als jeder Journalist. Dabei stellt sich die Frage, ob Journalisten deswegen Angst haben müssen, in Zukunft von Maschinen abgelöst zu werden. Alkan ist sich sicher, dass die automatisierte Erstellung von Texten in Zukunft nicht mehr wegzudenken ist. Er rät Journalisten, Bereitschaft zur Veränderung zu zeigen und prognostiziert einen starken Wandel in den Medienhäusern. Laut ihm werden sich Berufsbilder zukünftig mit Sicherheit verändern und auch neue Berufe entstehen. Wobei er nicht davon ausgeht, dass Roboter die Journalisten ersetzen. Sie werden die Menschen aber unterstützen und ihnen unter die Arme greifen und die Medienlandschaft verbessern.

Experten prognostizieren ebenfalls, so Retresco auf ihrer Webseite, dass der Mensch und die Technik sich im Journalismus zukünftig noch stärker ergänzen werden. Jedoch sind auch sie der Meinung, dass Algorithmen den traditionellen Redakteur auf keinen Fall ersetzen werden. Roboterjournalismus würde viel mehr die Chance bieten, Journalisten von repetitiven Aufgaben zu entlasten und so mehr Zeit für Qualitätsinhalte zu schaffen.

Menschlichkeit auch weiterhin ein Markenzeichen von Qualitätsjournalismus

Die Wahrscheinlichkeit, dass Maschinen Journalisten ersetzen werden, liegt lediglich bei acht Prozent. Das zeigt ein interaktives Tool der BBC, das die Wahrscheinlichkeit der Automatisierung von mehr als 350 Berufsgruppen vergleicht. Ein Interview führen und anschließend ein Feature oder eine Reportage mit Zitaten darüber zu schreiben, das kann der Roboterjournalist nämlich noch nicht. Ein Roboter fühlt nicht und ist nicht dazu in der Lage, Texten eine eigene Meinung zu geben und Subjektivität miteinfließen zu lassen. Von Qualitätsjournalismus wird das jedoch auch zukünftig das Markenzeichen sein.

Zusätzlich funktioniert Roboterjournalismus ohne Journalisten überhaupt nicht, denn er ist komplett abhängig vom Datenmaterial. Dabei muss ein Mensch die Nachrichtenstücke im Voraus programmieren. Der Journalist muss also generische Sätze vorformulieren, die die Maschine später beliebig variieren kann, aber auch Spezialfälle definieren. Ein Ergebnis oder Ereignis im automatisieren Journalismus, so ein Reporter des BBC, könne überhaupt nicht bewertet oder hinterfragt werden. Das Raster für den Artikel muss nämlich schon stehen, bevor das Ergebnis überhaupt da ist.

Zukunft der automatisierten Texterzeugung

Die Zahl automatisierter Texte wird immer mehr steigen und die Algorithmen immer besser. „Es wird auch immer mehr personalisierte Nachrichten geben, die nur bestimmte Leser interessieren“, so Graefe. So werden Algorithmen entweder Nutzerdaten sammeln oder es werden Voreinstellungen angeboten, was Graefe mit Google News vergleicht. Dadurch wird es auch mehr News auf Nachfrage geben. Durch den Roboterjournalismus gebe es in Zukunft auch die Möglichkeit die Interessen von sehr kleinen Zielgruppen, vielleicht sogar von einzelnen Personen, ab-zudecken.

Außerdem, so Cord Dreyer, Medienexperte bei Text-On, könne die Technologie in Bereiche vordringen, in denen Journalisten noch gar nicht aktiv sind. Er ist sich sicher, dass durch die automatisierte Texterstellung zu mehr Aufklärung und zur Verbesserung des Journalismus führt. Eine Chance für den Journalismus sieht auch der Journalist Lorenz Matzat. Der Leser würde den größten Nutzen aus Roboter-Texten ziehen, „weil er sich maßgeschneiderte, standortbezogene Informationen vom Roboterjournalisten erstellen lassen kann.“

Features, Portraits und Kommentare auch zukünftig Menschensache

Die Texte müssen Matzat zufolge dafür nicht einmal perfekt sein. Sie müssen nur gut genug sein, um sie problemlos lesen zu können. Das einzige Problem ist, dass Roboterjournalisten bis jetzt noch nicht unabhängig denken können. Dort, wo ein menschliches Auge notwendig ist, können sie noch nicht verwendet werden. Deswegen sind Features, Portraits oder Kommentare noch nicht die Stärke des Computers. Die Frage, wie genau sich der Roboterjournalismus weiterentwickeln wird, bleibt daher offen.

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