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Konstruktiver Journalismus als Zukunftsperspektive

Klassischer Journalismus versucht tendenziell Probleme in den Diskurs zu bringen – mit bislang wenig Lösungsperspektiven. Mit dem konstruktiven Journalismus kommt eine dänische Erscheinung nach Deutschland. Mit viel Potenzial für einen Journalismus in der Krise.


Ein Gastbeitrag von Jonas Klaus

„If Journalism is Broken, so is Democracy“ – Mit diesen alarmierenden Worten fordert Ulrik Haagerup zu einem Umdenken im Journalismus auf. Er ist Gründer des Constructive Instituts und mittlerweile zu einem Vorreiter des sogenannten konstruktiven Journalismus avanciert. Der Däne gründete das Institut 2017 mit der Mission, nicht weniger als die globale Berichterstattung zu verändern. Die Organisation stellt Redaktionen ein Portal mit bewährten Praktiken und Forschungsergebnissen sowie Stipendien- und Ausbildungsprogramme zur Verfügung. Medienschaffenden will Haagerup so helfen, die neue Spielart des Journalismus in der täglichen Arbeit anzuwenden.
Dass dies notwendig ist, zeigen seit Jahren mehrere Studien: Einer repräsentativen Studie von Infratest Dimap im Auftrag der ZEIT zufolge gaben über die Hälfte aller Befragten an, nur wenig bis gar kein Vertrauen in die deutschen Medien zu haben – im Jahr 2015. Zwar hat sich diese Beziehung im Pandemiejahr 2020 gebessert – nun vertrauen immerhin 56 Prozent den Medien eher bis stark – doch gleichzeitig nahmen auch die Angriffe auf Journalisten während der Pandemie stark zu.

Ein Grund für die Organisation Reporter ohne Grenzen, die deutsche Pressefreiheit nur noch auf zufriedenstellend herabzustufen. Wer hier an kleine, radikale Minderheiten denkt, liegt sicher nicht falsch. Doch sie sind zusammen mit weiteren Problemen nach Ansicht der Autoren Leif Kramp und Stephan Weichert auch zugleich ein Symptom eines jahrzehntelangen Strukturwandels: Der digitalen Wende. Eine Herausforderung, in der die meisten Medien zunehmend mit sinkenden Lesendenzahlen und somit finanziellen Ressourcen zu kämpfen haben – wodurch die Qualität sinkt. Das zeigte sich insbesondere in der Coronakrise.

Negativität in der Berichterstattung

Das Jahr 2021. Wer sich in der Pandemie korrekt verhalten will, kommt um eine regelmäßige Nutzung der Medien kaum herum. Dabei folgt einer Coronaschlagzeile die nächste, das eine Schreckensszenario der Triage in den Kliniken dem anderen von Tausenden Toten durch einen exponentiellen Verlauf der Pandemie. Wirklich entziehen kann sich ein halbwegs besorgte/r Bürger*in dabei kaum. Schließlich ist nie genau bekannt, wie es in der Krise weitergeht – und mit welchen Folgen. Und den subjektiven Eindruck, der sich daraus bei so manchem Rezipierenden eingestellt haben mag, verdichtet die Wissenschaft: Sprach- und Medienwissenschaftler stellten einen Negativitäts-Bias in der durchschnittlichen Berichterstattung fest. Zusammen mit einem Überangebot von Informationen, die oft „redundant, ungesichert, sachfalsch und kurzlebig“ sind und einer tendenziell unausgewogenen Berichterstattung führte dies zu viel Stress beim Rezipierenden bis hin zu einer Meidung entsprechender Angebote.
Dabei mangelte es nicht an kritischer Berichterstattung – allerdings für noch härtere Maßnahmen zur Eindämmung des Virus. Bevorzugt wurden Expert*innen zu Rate gezogen, die den Haltungen der Journalist*innen entsprachen. Zudem fehlten oft zugrundeliegende Hintergründe und Einordnungen zu Informationen und Daten. Alles Eigenschaften, auf die es besonders in Krisenzeiten eigentlich ankommt. Konstruktiver Journalismus könnte hier der Schlüssel sein.

Lösungsansätze als Zukunft

Bild: Stadtbibliothek Erlangen.
Bild: Stadtbibliothek Erlangen.

Michael Gleich ist Journalist, moderiert Tagungen und lehrt Journalismus an der Hochschule Ansbach. Als ein „Protagonist des konstruktiven Journalismus“ in Deutschland sieht er noch weitere Ursachen für die aktuelle* Lage der Medien: „Durch meine zahlreichen Auslandsaufenthalte, teilweise auch in Diktaturen, konnte ich einen guten, internationalen Blick erhalten – wir haben noch immer eine der besten Positionen im Vergleich. Gleichzeitig lässt sich dennoch eine Erosion im Qualitätsjournalismus beobachten, da mit dem Zurückgehen der klassischen Anzeigen für den Printjournalismus eine wichtige Einnahmequelle versiegt und zweitens an dem Kauf- und Abonnierverhalten der jüngeren Generation, die sich nicht mehr an Abonnements binden will. Aufwändige Recherchen, wie sie der konstruktive Journalismus voraussetzt, sind dadurch immer weniger bezahlbar. Das ist ein großes Problem.“

Dass hochwertiger Journalismus aber weiterhin reife Früchte tragen kann, zeigte sein Projekt Peace Counts: Journalist*innen und Fotografierende reisten in über 40 Konfliktregionen, um die erfolgreiche Arbeit von Friedensmachenden zu dokumentieren. Unter Anderem veröffentlichten mehrere europäische Magazine die Berichtsserien, die neben zahlreichen weiteren Medien entstanden. Michael Gleich ist als konstruktiver Journalist in seiner Arbeit besonders wichtig, dass „Erkenntnisinteresse auf mögliche Lösungen“ zu richten, also nicht nur gesellschaftliche Probleme wie Klimawandel oder Armut, sondern auch mögliche Lösungsansätze kritisch zu beleuchten. Damit ist er Teil einer sich vergrößernden Bewegung im weltweiten Journalismus, inspiriert durch Pioniere wie Ulrik Haagerup.

In Deutschland lassen sich hier mittlerweile einige Beispiele an Medien finden, die sich an entsprechenden Formaten versuchen: Bei NDR Info Perspektiven sollen Zuschauende mit möglichen Lösungsansätzen inspiriert werden. Bei ZEIT online erwartet Rezipierende das Format „Die Antwort“. Mit „Deutschland spricht“ will man zudem den Austausch und eine bessere Lösungsfindung fördern. Im „#Lösungsfinder“ der Tagesthemen und Tagesschau.de sollen Geschichten erzählt werden, die Auswege aus bestehenden Problemen enthalten. Mit Perspective Daily widmet sich sogar ein eigenes Online-Magazin dem konstruktiven Journalismus. Die neue Spielart scheint sich also langsam zu verbreiten. Kritisierende der neuen Gangart befürchten damit auch eine Tendenz zu einem weichgespülten Journalismus. 

Konstruktiver Journalismus oft noch kritisch gesehen

Das Jahr 2008. Michael Gleich arbeitet derzeit an seinem Buch „Culture Counts“. Er untersucht verschiedene Kulturen und wie diese einander ergänzen können. Er ruft zu mehr Vielfältigkeit auf. Wichtig ist ihm bereits hier eine lösungsorientierte Denkweise, immer wieder fällt der Begriff konstruktiver Journalismus – wofür er viel Missverständnis erntet. „Als ich, vermutlich als einer der ersten, den Begriff 2008 verwendet habe, fragten mich Journalisten verärgert, ob sie denn dann „destruktiven“ Journalismus betreiben würden. Insgeheim stimmt dies ja auch, denn Forschende konnten nachweisen, dass viele Redaktionen durch negative Berichterstattung zu Medienverdrossenheit bei vielen Nutzern und Nutzerinnen beitragen. Immer wieder gab es dann den Verdacht, dass konstruktiver Journalismus so etwas wie die „rosarote Brille“ darstellen könnte. Niemand, der konstruktiven Journalismus betreibt, möchte aber etwas weichspülen, sondern hochqualitativen Journalismus betreiben, und zwar mit den gleichen berufsethischen Standards wie sonst auch.“ 

Zudem gibt es noch weitere Kritikpunkte: Journalisten und Journalistinnen könnten indirekt PR für beispielsweise Unternehmen betreiben, die bereits Lösungen versprechen. Und auch das oft diskutierte Spannungsfeld zwischen Journalismus und Aktivismus ist mit der Bemühung um mehr Konstruktivität nicht unbedingt vom Tisch. Zusätzlich haben Redaktionen in der Praxis bereits jetzt mit knappen Ressourcen zu kämpfen, was sich auf die Qualität auswirkt. Umfangreiche Recherchen werden so immer schwieriger. Ausgerechnet hier soll konstruktiver Journalismus, der ja auf genau diese setzt, helfen.

Hohes Potenzial bei Jüngeren

Im Jahr 2017 führen die Autoren Stephan Weichert und Leif Kramp eine Studie zum Mediennutzungsverhalten durch. Mittels qualitativer Telefoninterviews und Gruppendiskussionen werden Millennials befragt, worauf sie bei Medienangeboten Wert legen. Dabei fällt auf, dass die Befragten zwischen 15 bis 35 Jahren neben Social Media vor allem Nachrichten bevorzugen, die Perspektiven und Lösungsansätze bieten. Die Forschenden leiten daraus ein hohes Potenzial für konstruktive Formate ab. Ellen Heinrichs, Programmdirektorin bei der Deutschen Welle, kann dies nur bestätigen: „Jüngere Menschen erwarten sich von den Medien nachweislich Lösungen, damit sie überhaupt Nachrichten und Informationen konsumieren. 

Darüber hinaus habe ich in meiner Studie herausgefunden, dass sich konstruktive Ansätze positiv auf die Monetarisierung auswirken können. Das sieht man bei der ZEIT, aber beispielsweise auch bei der Sächsischen Zeitung, deren Chefredakteur Uwe Vetterick ganz klar sagt: „Wir verkaufen mehr Abos, weil wir lösungsorientiert berichten“.

Konstruktiver Journalismus hat also Potenzial – wenn kritisch und qualitativ durchgeführt. Mit dem Fokus auf Lösungen kann er die Qualität journalistischer Erzeugnisse steigern und damit auch wieder zu mehr Vertrauen in die redaktionelle Arbeit beitragen. Besonders eine junge, Social-Media-affine Zielgruppe würde sich über mehr Partizipation und einen Gestaltungswillen freuen – und sich somit eher an Abonnements binden. Doch damit verbunden sind noch viele Hoffnungen, denn aktuell steht diese „Spielart des Journalismus“ noch am Anfang. Neben verstärkter Forschung braucht es hier noch mehr mutige Journalisten und Journalistinnen, die sich an entsprechenden Formaten bedienen. Nicht zuletzt wäre auch ein deutsches Netzwerk à la Haagerup für Redaktionen hilfreich. Damit Journalismus auch zukünftig insbesondere in Krisenzeiten seiner Aufgabe nachkommen kann: Für eine stabile Demokratie zu sorgen.

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