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Talkshows: Wie Antagonisten der allgemeinen Agenda folgen. Im Interview mit Carina Weinmann

Talkshows. Kaum ein anderes Fernsehformat wird derart heiß diskutiert. Zählt es zum Informations- oder Unterhaltungsprogramm? Sind die Moderator:innen Journalist:innen? Und warum sitzen meist die selben Personen auf der Gästebank? In einer Reihe von Interviews hat sich die Redaktion von Future Communication mit Talkshows und deren Aganda-Setting befasst. Im dritten Interview finden Sie Carina Weinmanns Einschätzung der Lage.

Ein Gastbeitrag von Jan Sieber

Carina Weinmann hat 2018 an der Universität Mannheim im Bereich Medien- und Kommunikationswissenschaften promoviert. Sie bezeichnet sich als Forscherin an der Schnittstelle zwischen Kommunikationswissenschaften und Medienpsychologie. Sie begleitete ein DFG-Projekt zu politischen Talkshows. Derzeit arbeitet sie an der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf.

Viele Sender bieten verschiedene Talkshows mit verschiedenen Themen und Formaten für unterschiedliche Zielgruppen. Foto: Screenshot ZDF Mediathek-App (Suche: Talkshow)

Relevanz in Zeiten von Streaming und Co.


Überspitzt gefragt handelt es sich bei Politiktalkshows um ein hochwertiges Informationsprogramm oder spielt der Unterhaltungswert die primäre Rolle?

Weinmann: Es ist relativ ausgeglichen, also 50/50. Menschen schalten Talkshows aus beiden Motivationen ein, offensichtlich gibt es bei dem einen eher die Motivation der Information und beim anderen die der Unterhaltung. Im Groh ist es aber ziemlich ausgeglichen, also beides spielt eine Rolle. Wenn man sich nur informieren möchte, würde man eher Nachrichtensendungen schauen oder politische Magazine und wenn man sich rein Unterhalten möchte dann schaut man Spielfilme. Talkshows sind da genau in der Mitte.

Fast alle der populären Talkshowmoderatoren bezeichnen sich selbst als Journalisten:innen. Im Hinblick darauf, dass der Berufsstand der Journalist:in kein geschützter Begriff ist, was halten Sie von dieser Selbstbezeichnung im Hinblick auf das Auftreten/Performance dieser Personen in Talkshows?

Weinmann: Ich glaube schon, dass das angemessen ist. Die machen einen guten Job, sie leiten die Debatte gut und sind auch informiert. Von daher ist Journalist:in durchaus zutreffend. Die meisten haben eine journalistische Ausbildung, nur Markus Lanz nicht. Am wichtigsten finde ich, dass die Moderator:innen neutral bleiben und auch die vorher genannten Dinge einhalten, dann ist die Bezeichnung Journalist:in zurecht gegeben.

„Das Format (Talkshow) ist nicht unbedingt geeignet, Themen mit dem nötigen Tiefgang zu kommunizieren. Talkshows sind vor allem auf den schnellen Punkt, auf eine oberflächliche Meinungsbildung und auf Turbulenz aus“, sagt Bayers Kommunikationschef. Bilden Talkshows also nur eine oberflächliche Meinung ab?

Weinmann: Schwierig. In den Medien generell kann man in den meisten Formaten nicht sehr viel Tiefe bieten. Man wird keine Debatte senden können, die drei Stunden lang ist, um ein Thema ausreichend zu diskutieren. So etwas wird sich keiner anschauen. Auf Phönix, kann man ja auch die Bundestagsdebatten verfolgen, aber es ist ein sehr geringer Marktanteil, der dies nutzt. In Talkshows kann es tiefer gehen, als in Nachrichtensendungen, wie zum Beispiel in der Tagesschau, die nur 15 Minuten dauert. Im Vergleich zu anderen Formaten ist eine gewisse Tiefe möglich, allerdings keine, die irgendein Thema ausreichend abdeckt. Dies ist aber generell schwer möglich. In der sich rasant entwickelnden Medienwelt hat jeder nur noch eine gewisse Aufmerksamkeitsspanne und setzt sich immer kürzer mit Themen wirklich auseinander. Ich denke nicht, dass wir viel bessere Formate als Informationsquelle finden, als Talkshows.

Wie groß schätzen Sie die Bedeutung von Talkshow im Vergleich zu anderen analogen und digitalen Medienformaten ein?

Weinmann: Angesicht der hohen Zuschauerzahlen von Talkshows, haben sie schon eine hohe Bedeutung. Allerdings, wenn sich jemand tiefgergehend mit einem Thema beschäftigen möchte, dann sind eher Printmedien das Mittel der Wahl oder eine Medienmischung. Die Talkshows dürfen nicht ganz isoliert gesehen werden, es ist ja nicht das einzige, bei dem man mit einem Thema konfrontiert wird oder man sich mit einem Thema auseinandersetzen kann. Es findet auch ein Austausch im Freundeskreis statt oder ein Austausch mit Menschen, die tiefer in einem Thema sind oder eben mit Experten und Expertinnen selbst. Es wäre verkürzt zu sagen, die Talkshows sind nicht ausreichend, weil sie immer im Zusammenspiel mit anderen Formaten zu sehen sind.

Talkshows: Hohes Potential mit wenig Risikobereitschaft


Inwiefern sehen Sie die Redaktionen bezüglich der Auswahl der Diskussionsthemen in der Verantwortung? Gibt es Ihrer Meinung nach Themen, die für deutsche Polittalkshows weniger hochfrequentiert thematisiert werden sollten? Beispielsweise werden die US-Wahlen viel diskutiert, wären hier nicht inländische Themen besser platziert und sollten eine höhere Präsens haben?

Weinmann: Wenn man sich mal eine Woche mit Illner, Will und „Hart aber Fair“ anschaut, fällt auf, dass sie dieselben Themen haben. Ich würde mir wünschen, dass das Themenspektrum etwas breiter wäre, auch kleine Themen aufgreifen. Aber auch die Redaktionen stehen in der Verantwortung, wobei diese eben auch unter einem Quoten-Druck stehen. Sie müssen eben Themen, die jetzt „heiß“ und populär sind nehmen und sich darauf stürzen, weil diese die höchsten Quoten versprechen. Eigentlich sind die öffentlich-rechtlichen nicht auf Quoten angewiesen von daher würde man sich wünschen, dass dort auch mal kleinere Themen aufgenommen werden. Es ist schwierig zu sagen, welche Themen tatsächlich für uns relevant sind, ob es inländische oder internationale Themen sind, dies ist heutzutage schwer abzugrenzen. Corona kann man auf inländischer Basis diskutieren, aber es ist eine weltweite Pandemie, Themen können also nicht mehr isoliert werden. Eine bunte Mischung ist gut, also beides zu betrachten und diskutieren. Es ist gut auch mal über den Tellerrand hinauszusehen. Bei der US-Wahl war es sehr extrem, wie darauf der Fokus gerichtet wurde. Es gibt sehr viel mehr Länder, bei denen interessante Themen zu finden sind, die uns auch betreffen oder betreffen sollten, wie die Kriege im Nahen-Osten. Diese Themen gehen mehr und mehr unter, obwohl sie noch relevant sind.

Oftmals hat man das Gefühl, es kommen zu bestimmten Themen immer nur die gleichen Expert:innen zu Wort. Wie bewerten Sie das dadurch entstehende Risiko einer einseitigen Darstellung und somit Meinungsverbreitung besonders im Hinblick auf Bereiche wie Wissenschaft und Politik, in welchen eine objektive Berichterstattung maßgebend ist?

Weinmann: Sie sprechen einen wichtigen Punkt an, der ganz klar so ist. Ich glaube, es ist bei den Redaktionen ja so, dass die immer einen gewissen Pool an Gästen haben, die sie immer wieder anrufen und von denen sie wissen: „Die kommen auch gerne“. Das sind dann natürlich auch immer wieder dieselben Köpfe. Es ist einerseits pragmatisch von den Redaktionen zu sagen: „Okay hier haben wir unsere sichere Bank, auf die wir immer wieder zurückgreifen können, die wir anrufen und die dann auch gerne kommen.“ Auf der anderen Seite muss man auch von Redaktionen aus gesehen interessante Leute einladen, damit interessante Sprecher:innen und Sprecher:innen mit konträren Meinungen aufeinander treffen. Ein interessantes Gespräch lebt ja auch davon, dass es konträre Meinungen gibt. Allerdings werden mehr oder weniger immer wieder dieselben Köpfe eingeladen. Gerade in Bezug auf Corona sehe ich schon, dass es immer wieder die gleichen Meinungen sind und sehr davon abweichende Meinungen, teilweise nicht zur Sprache kommen. Ich glaube durch diesen kleinen Kanon an eingeladenen Gästen fallen ein paar Meinungen auch herunter, beziehungsweise werden nicht repräsentiert. Aber es gibt die Tendenz Talkshows mit Pro und Contra aufzubauen. Es ist ganz gut, was an Meinungen vertreten ist, aber es ist dann doch nur ein gewisser Mainstream. Die anderen Meinungen können dann eben herunterfallen und die Gefahr ist dann, dass die Menschen, die sich damit nicht repräsentiert fühlen, in andere Medien abrutschen und das sich dann dort fragmentiert. Die die am meisten in der Debatte vorkommen, werden die Meinung mehr oder weniger prägen. Die Talkshows haben immer noch einen sehr hohen Marktanteil und deshalb ist davon auszugehen, dass sie die (öffentliche) Debatte und auch die Meinung ganz entscheidend beeinflussen.

Talkshowredaktionen bemühen sich oftmals, die Antagonisten- und Protagonistenrolle mit verschiedenen Gästen zu besetzten: Wie bewerten Sie diese Selektion der Gäste? Dient dies Ihrer Meinung nach der Darstellung eines Meinungsspektrums oder wird sich davon oftmals nur eine emotionale Aufladung des Gesprächs durch das Zusammentreffen zweier Oppositionen erhofft?

Weinmann: Da kann man nur spekulieren, man könnte jetzt böse unterstellen, dass wirklich nur diese emotionale Debatte im Vorder- oder Hintergrund steht. Ich würde zumindest den Menschen immer auch eine gute Absicht unterstellen, dass sie wirklich ein Meinungsspektrum darstellen wollen und das ist auch sehr wertvoll. Das hat man in fast keinem anderen Format. Ich finde Talkshows sind ein schönes Format, auch wenn sie darauf abzielen, eine emotionale Debatte entstehen zu lassen. Viele verschiedene Ansichten von Meinungen wären natürlich wünschenswert, aber man kann keine 100 Menschen an einen Tisch setzen. Deshalb muss man immer auswählen und dann ist es der beste Weg, wenn man versucht, das Meinungsspektrum abzudecken und abzubilden. Es geht nicht darum die Meinung von Menschen hier zu beeinflussen, sondern Denkanstöße zu geben. Also Argumente sehen oder hören, die man abwägen kann, um sich dann seine eigene Meinung zu bilden. Das geht natürlich gut, wenn dort Extreme dargestellt werden und Zuschauer:innen dann merken, dass sie in der Mitte zwischen den beiden extremen Positionen stehen.

Wie schätzten Sie den Einfluss von Talkshows auf das Agenda-Setting ein?

Weinmann: Da könnten sie mehr machen. Die Talkshows greifen die Themen, auf die gerade populär sind, sie selbst betreiben kein Agenda-Setting oder kaum. Sie könnten aber mehr machen und Themen aufgreifen, die nicht so populär sind aber auf die Aufmerksam gemacht werden könnte. Sie haben Agenda Setting-Potenzial, welches sie aber nicht ausschöpfen. Aktuell folgenden sie eher der Agenda der anderen Medien, vor allem den Nachrichten oder den Zeitungen.

Laut der Studie „Die Talkshow Gesellschaft“ sind 42,6 Prozent der eingeladenen Gäste parteipolitische Vertreter:innen, weitere 22,9 Prozent sind Journalist:innen. Insgesamt stammen also zwei Drittel der Polit-Talkshow-Gäste aus dem Bereich der Parteien und der Medien. Wie müsste, Ihrer Meinung nach, die ideale Talkshow Besetzung aussehen, um umfassend repräsentativ sein und zur objektiven Meinungsbildung beitragen zu können? Gibt es eine solche Besetzung überhaupt?

Weinmann: Die Politiker:innen und Journalist:innen sind überrepräsentiert, aber das sind auch die sich am meisten damit befassen oder damit befasst sind. Es ist schwierig zu sagen: Auf der einen Seite Politiker:innen und auf der anderen die Expert:innen. Eigentlich sind Politiker:innen ja Expert:innen für die Themen. Es ist sehr schwierig abzugrenzen. Ein repräsentativer Ansatz hilft hier nicht wirklich weiter, also dann müssten 90 % der Gäste keine Politiker:innen und keine Medienmenschen sein, aber da kommt man nicht wirklich weiter. Es müssen vor allem gute Köpfe geladen sein, die die Meinung abbilden. Ich bin kein Fan davon zu sagen, man lädt jetzt nur noch andere Gruppen von Menschen ein, als vielmehr das man darauf achtet, dass die Meinungen vertreten sind. Wer diese dann vertritt, ist dann nicht so relevant.