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Sensorjournalismus – die Zukunft des Geschichtenerzählens?

Er berichtet aus dem Inneren einer Milchkuh und lässt Bienen twittern: Der Wissenschaftsjournalist und Freelance Creative Technologist Jakob Vicari erzählt Geschichten aus bisher unbekannten Perspektiven. Im Interview spricht er über die Vorteile von Sensorjournalismus und den “Journalismus der Dinge”.

Ein Gastbeitrag von Jil Weber

Jakob Vicari erzählt Geschichten mit Hilfe von Sensoren aus ganz neuen Blickwinkeln. (Foto: Vicari)

Sie beschäftigen sich hauptsächlich mit Sensorjournalismus. Wie sieht der Arbeitsalltag aus, wenn Sie Storys mit Sensoren erstellen?

Vicari: Mein Arbeitsalltag sieht nicht anders aus als der eines normalen Journalisten. Man sucht sich Geschichten oder Themen aus und schreibt Exposés, die man jemanden anbietet, natürlich mit einem technologischen Blickwinkel. Wir machen viele Seminare hier in der Firma, die vorbereitet werden müssen. Es geht dabei hauptsächlich darum, wie man Techniken möglichst einfach erzählen kann. Oder man hat einen Tag in der Werkstatt.

Dort basteln Sie dann Ihre Sensoren zusammen?

Vicari: Genau, das ist aber leider nur ein geringer Teil der meiner Arbeit.

Haben Sie nach den Superkühen auch ein aktuelles Projekt?

Vicari: Nachdem die sensorbasierten Projekte mit den Kühen und dem Bienenstock ein voller Erfolg waren, sind wir gerade dabei, neue Projekte zu akquirieren. Es gibt aber noch nichts konkretes. Momentan beschäftigen wir uns mit neuen Ausspielkanälen wie Alexa sowie Spielzeugen oder Spiegel als neue Ausgabegeräte. Der Gedanke ist, dass man Alexa nicht nur als Ausgabegerät nutzen kann, sondern auch als Befragungstool, um zu erfahren was die Rezipienten denken. Alexa wird dann quasi selbst zum Sensor. Daher kommt auch der Gedanke des Journalismus’ der Dinge.

Nachrichten aus der Kaffeetasse

Sie beschäftigen sich mit sprechenden Spielzeugen, Spiegeln und Kaffeetassen, die als neue Ausgabegeräte dienen sollen. Verschiebt sich der Journalismus dann zunehmend vom geschrieben zum gesprochenen Wort? Glauben Sie, dass Print dadurch aussterben wird?

Vicari: Ich glaube tatsächlich, dass Print auf Papier nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Genau so wenig wie klassische Onlinemedien, wo man lange Artikelauf kleinen Bildschirmen lesen muss. Voice wird in Zukunft viel bedeutender werden. Vor allem aus dem Grund, dass die synthetische Sprachausgabe immer besser wird und ganz neue dialogische Formen möglich sind. Ganz nebenbei ist es viel bequemer zu konsumieren. Wenn ich morgens am Frühstückstisch sitze, dann werde ich immer überrollt von Nachrichtenmeldungen. Das war mir irgendwann zu viel. Deswegen habe ich eine sprechende Kaffeetasse mit Kippsensor gebaut, die immer nur eine Nachricht pro Schluck ausgibt. Nichtsdestotrotz glaube ich auch noch daran, dass es viele Situationen geben wird, in denen Textinformationen nötig sind. Nehmen wir doch einfach mal die Situation beim Kochen. Würde man jetzt die laufende Dunstabzugshaube mit einer Sprachausgabe versehen, könnte man ja gar nichts hören. Hier sind Nachrichten in Textform dann doch die bessere Wahl.


Artikel zum Thema: Wie künstliche Intelligenz den Journalismus verändern wird


Was bedeutet dieser Wandel zum Voice-Format für die journalistische Tätigkeit? Inwieweit geht dabei das klassische Handwerk verloren und der Journalist gleich mit?

Vicari: Also wir arbeiten mit neuen Technologien. Mit Sensoren und Sprachassistenten, da gehört auch künstliche Intelligenz und Roboterjournalismus dazu. Eigentlich merkt man da erst, dass man trotzdem viele Journalistinnen und Journalisten braucht. Es geht bei unseren Projekten, wie wir sie verstehen, gar nicht darum, Personal einzusparen, sondern Journalismus mit Technologien besser zu machen. Was aus meiner Sicht verschwinden wird, ist der Google-Journalist – also all das, was man auch googlen kann. Man braucht keine Journalisten, die auch noch in die Zeitung schreiben, was sie ergooglet haben. Bei Sachen, die man schon super automatisieren kann, wie Fußballspiele aus der fünften Liga, Wetterberichte oder Polizeimeldungen, wird man in Zukunft auch keine Journalisten mehr brauchen.

Man braucht eher in der Hinsicht Journalisten, die sich neue Formate ausdenken und umsetzen. Also wie kann man eine Polizeimeldung besser zum Leser bringen. Das heißt, wie möchte er die Nachricht haben. Will er sie unter der Dusche haben? Und in welcher Form möchte er sie unter der Dusche haben. Will er sie doch lieber am Frühstücktisch haben? Vielleicht sogar aus der Kaffeetasse? Will er sie live haben, sobald was passiert und auf der Karte? Das sind alles solche Journalisten-Erzähl-Fragen, für die man erst recht Journalisten braucht.

Leser sind live dabei

Es wird in Zukunft also wichtiger sein, Journalismus auf die Bedürfnisse der Menschen anzupassen. Wie schafft das Sensorjournalismus?

Vicari: Diese Sensorprojekte haben eine Live-Komponente. Man arbeitet also mit neuen Technologien, live und nimmt zudem die Leser mit, weil es sich einfach anbietet. Alleine aus dem Grund, weil der Sensor 24 Stunden sieben Tage die Woche verfügbar ist. Man kann die Daten also in Echtzeit an den Zuschauer senden.

Gleichzeitig ist es aber deutlich schwieriger eine Dramaturgie aufzubauen. Natürlich will ich eine Geschichte erzählen wie jetzt beispielsweise über das Leben von drei Milchkühen in dem entscheidenden Monat. Das heißt, wenn sie ein Kalb kriegen und wieder Milch geben. Dann muss ich mir aber überlegen, was da alles passieren kann und wie bleiben die Leute 30 Tage lang dran. Das erfordert deutlich mehr journalistische Kenntnisse als vorher. Ich muss auf einmal viel mehr Optionen berücksichtigen: Was ist, wenn das Kalb krank ist am Tag x? Was ist, wenn der Kuh irgendetwas passiert und sie tot umfällt? Dann brauch ich da auf einmal viel mehr Berichterstattung. Was ist, wenn die Geburt sich verzögert? Dann muss ich dafür Flächen füllen. Man kann nicht wie üblich planen oder nachher schön zurechtschneiden, sondern muss sich genau vorher überlegen, was passieren kann. Genau dafür braucht man wieder Journalismus. Es macht den Beruf eigentlich schwieriger.

Basteln statt Telefonieren

Sprich das Tätigkeitsfeld verschiebt sich lediglich durch die neuen Technologien?

Vicari: Genau! Man hat auf einmal mit ganz anderen Berufszweigen zu tun. Plötzlich mit Progammieren oder mit Leuten, die Löten können. Anstatt den Laptop oder das Telefon bedient man auf einmal eine CNC-Fräße, um Gehäuse für solche Sensoren zu bauen. Es ist aber trotzdem noch Journalismus. Es ist eigentlich so ziemlich die Reinform dessen, weshalb ich Journalist geworden bin. Nämlich diese Suche nach neuen Perspektiven, um die Welt zu erzählen. Die Neugierde etwas Neues zu schaffen. Da inzwischen fast alle Geschichten aus den normalen Perspektiven erzählt sind, überspitzt gesagt, bietet die Technologie eine Möglichkeit, Kühen eine Stimme zu verleihen. Warum nicht auch Bienen und Kunstwerken. Das ist eine neue Perspektive auf die Welt, die ich journalistisch sehr spannend finde.

Qualitativ hochwertige Daten für mehr Glaubwürdigkeit

Sie generieren mit Ihren Sensoren alle Daten selbst und können diese quasi aus erster Hand überprüfen. Ist Sensorjournalismus somit eine Möglichkeit das Vertrauen der Rezipienten wiederzugewinnen?

Vicari: Für viele Sachen gibt es keine Daten. Zum Beispiel, wie gefährlich das Radfahren in Berlin wirklich ist, da der Mindestabstand nicht eingehalten wird. Oder das Beispiel Stuttgart: wie hoch ist der Feinstaubgehalt in meinem Vorgarten? Dafür gibt es keine Messtation. Oder welche Milchkuh ist die glücklichste? Die auf dem Biohof oder die aus dem Großbetrieb? Ich muss also als Journalist selbst Daten erheben in einer Qualität, bei der ich genau sagen kann, das ist die Qualität, die ich mir wünsche. Ich weiß also viel mehr über die Daten. Somit kann ich sie auch guten Gewissens ausspielen.

Ich habe es so erlebt, dass die Leute das sehr zu schätzen wissen, praktisch live dabei zu sein und dass es überprüfbar ist. Wir haben letztes Jahr für den WDR drei Bienenstöcke begleitet. Dafür haben wir einen kleinen Textroboter gebaut, der das Tagebuch der Bienenkönigin geschrieben hat. Direkt daneben konnte man die Daten sehen, auf denen es basierte. Die Zuschauer sehen also die Daten und können diese überprüfen. Sie wissen auch, dass ich keinen Einfluss auf den Verlauf der Story habe, weil ich es selbst nicht vorhersehen kann. Es kann alles Mögliche passieren. Es ist nicht die schöne Version der Welt, die die Rezipienten da kriegen, sondern das Echte. Und das macht es so spannend und authentisch. Insofern würde ich sagen, dass Sensorjournalismus zu mehr Glaubwürdigkeit in den Medien führt. Denn jeder der was kritisiert, kann es anhand der mitgelieferten Daten überprüfen.

Messfehler Kommunizieren

Können Sie denn mit den Sensoren eine fehlerfreie Berichterstattung garantieren? Was ist, wenn plötzlich Fehler auftreten?

Vicari: Nein, das behauptet auch niemand. Deswegen ist Transparenz ein großer Punkt für uns. Journalismus kann ja auch fehlerhaft sein. Überall dort, wo ein Reporter mit zwei Augen etwas aufnimmt, ist es mit Fehlern behaftet. Aber das weiß auch jeder. Ebenso muss man damit umgehen, wenn man mit Technologien arbeitet. Wenn zum Beispiel ein Sensor ausgefallen ist. Es heißt ja nicht sofort, dass die Kuh tot umgefallen ist, nur weil der Sensor keine Daten mehr liefert. Und das muss man offen kommunizieren. Wir arbeiten deshalb sehr viel mit Open-Source-Technologie. Das heißt, jeder kann sehen nach welchen Kriterien wir die Daten verarbeiten. Wenn Daten fehlerhaft sind, dann sagen wir das auch sehr transparent. Wir erheben also keinen höheren Wahrheitsanspruch als der Reporter.

Ich glaube aber, dass es im Journalismus eine große Angst gibt, Fehler zu machen. Dadurch werden ausschließlich perfekte Geschichten erzählt werden, in denen nichts schief geht. Aber diese Geschichten, in denen es immer ein Happy End gibt und glatt verläuft, wollen die Leute so langsam nicht mehr lesen. Doch die Storys, wo der Reporter mal nicht so Glück hatte, landen im Papierkorb. Den Reiz des Journalismus macht es aber ja aus, was Echtes zu erzeugen. Dass es zum Beispiel auch schief gehen kann. Wenn ich eine Kuhgeburt live auf Facebook übertrage und ich vorher nicht weiß, ob sie gut geht oder nicht, dann ist das viel glaubwürdiger, als wenn ich zehn Kuhgeburten filme und die schönste davon für meine Dokumentation auf ARTE nehme.

Aus der Masse herausstechen

Sie tanzen mit Ihren Reportagen und dem Journalismus der Dinge ja etwas aus der Reihe. Kann man als Journalist nur noch bestehen, wenn man sich eine eigene Marke aufbaut?

Vicari: Ich würde auf jeden Fall ja sagen. Aber ich bin freier Journalist, natürlich muss ich quasi eine Marke sein und etwas anbieten, was niemand kann. Ich habe angefangen, dass ich Reportagen geschrieben habe für klassische Printmedien. Das kann jetzt auch nicht jeder, aber schon viele. Man schwimmt da schon sehr im Haifischbecken. Es ist aber in den Redaktionen sehr wenig los, was Roboterjournalismus, KI, Sensorjournalismus oder Journalismus der Dinge angeht.

Das große Problem besteht darin, dass wieder die großen Unternehmen wie Apple, Google oder Amazon da sind, die Smartspeaker bauen und die Inhalte beherrschen. Die Redaktionen sagen aber wieder „Oh Gott, oh Gott!“ und bekommen Panik. Deswegen ist es als freier Journalist verlockender. Man ist agiler und kann sich an die Spitze der Reaktion setzen und sagen: „Ich kann das. Ich kann euch helfen“. Als ich mich mit den Spielzeugen und anderen Ausgabekanälen beschäftigt habe, ist mir klar geworden, dass das alles mit dem Internet der Dinge zu tun hat und so habe ich es Journalismus der Dinge genannt.

Personalisierte Chatbots

Sie haben in ihrer Sensor-Live-Reportage über die Superkühe auch Chatbots verwendet. Verliert der Journalismus dadurch nicht zunehmend an Authentizität?

Vicari: Im Gegenteil, ich finde die neuen Technologien bedeuten einen sehr großen Gewinn für den Journalismus. Im Moment machen gewöhnliche Medien Inhalte für alle. Mit Chatbots können wir aber jeden einzelnen einbeziehen. Die Nutzer nehmen das einfach an. Sie interessiert es nicht, mit welcher Technologie es passiert, sondern sie finden es toll, dass sie gezielte Antworten bekommen und Gespräche führen können. Auch wenn es sich nur um eine Kuh handelt, wie beidem ersten Sensorprojekt. Es braucht ja trotzdem Journalisten, die das mit Leben und Inhalt füllen, indem sie die Chatbots oder KIs trainieren. Und das ist alles andere als trivial.

Können Textroboter ein Bewusstsein entwickeln, sodass eine authentische Berichterstattung erfolgen kann oder gehen Witz, Überraschung und Kreativität dadurch verloren?

Vicari: Was schon bald eine KI können wird, ist einen Text zu Ende zu schreiben oder eine Variation einer Nachricht zu schreiben, damit die FAZ auch die Nachricht hat, die in der Süddeutschen steht. Aber ich glaube, dass das Kreative, Einzigartige nach wie vor Journalisten braucht.

Ich bin der Meinung, dass KI eine Bereicherung sein kann. Sie kann den Journalismus origineller, witziger und unterhaltsamer machen im besten Sinne. Man ist ja oft gelangweilt, denn wer liest heute noch die 20.000 Zeichen Reportage in einer Zeitschrift. Es ist ja schön, dass GEO das noch macht, aber die Zahl der Menschen, die die liest, sinkt. Das liegt ja nicht daran, dass die Menschen keine Geschichten mehr hören wollen. Denn im gleichen Zug steigt die Zahl der Menschen, die sich 20 Stunden einer neuen Netflix-Serie verschreiben. Eine Folge nach der anderen. Das sind ja auch Geschichten die erzählt werden, nur auf eine andere Art.

Wissenschaftliche Gespräche mit der KI

Wir müssen einfach schauen, dass wir diese Mechanismen, die dort entstehen, für den Journalismus nutzen. Und wenn KI da hilft, dann gerne. Wenn ich mich jetzt beispielsweise vier Stunden mit einer KI über wissenschaftliche Themen unterhalten könnte, dann wäre das toll. Dann müsste ich mich nicht von der Washington Post über die New York Times bis Süddeutsche und Spiegel quälen. Es entwickelt sich doch eher dahin, dass ich die KI fragen würde, was ich denn alles zum Corona-Virus wissen muss, oder wie es mit dem Klimawandel aussieht. Es ist viel personalisierter und einfacher. Aber auch hier brauchen wir Journalisten, die das machen, damit es nicht andere machen, die es vielleicht nicht können.

Sie würden Nachrichten also lieber gebündelter und nach Bedarf konsumieren können?

Vicari: Ja genau. Ein Beispiel ist die Tagesschau. Die dauert 15 Minuten und jedes Thema dauert eineinhalb Minuten. Und wenn mich ein Thema mehr interessiert, dann möchte ich das sofort wissen und nicht erst den Rest der Tagesschau anhören. Wenn ich was lese über den Klimawandel und eine Talkshow höre, dann habe ich ja vielleicht ganz andere Fragen, als jene die dort beantwortet werden. Hier würde die KI wieder ins Spiel kommen, denn sie ermöglicht es tiefer in ein Thema einzusteigen und Fragen personalisierter zu beantworten.

Sensorjournalismus soll alle erreichen

Was raten Sie schlussfolgernd für den Journalismus der Zukunft?

Vicari: Man muss vom hohen Ross des Journalismus runterkommen. Es läuft nicht mehr so, dass man sagen kann „nehmt und lest“. Das journalistische Angebot muss so gestalten werden, dass man alle erreicht. KI ist eine Chance den Journalismus so zu personalisieren, damit es für jeden zugänglich ist.

Sie sehen der Zukunft des Journalismus also positiv entgegen?

Vicari: Ja, ich freue mich auf die weitere Entwicklung. Ich finde es passiert so erstaunlich wenig und sich die Tagesschau von Alexa vorlesen zu lassen, finde ich dann auch irgendwie langweilig. Ich würde gerne selbst meine Fragen dazu stellen, die mir der Journalist nicht beantworten konnte, weil das Skript eben eine bestimmte Länge hatte. Es gibt so viele Geheimnisse, die anhand von Technologien erzählt werden können. Zum Beispiel: Wie sieht die Hauskatze eigentlich die Welt, in der ich lebe und die ich mit ihr teile?

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