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Wie künstliche Intelligenz den Journalismus verändern wird

Von Daten aus dem Inneren einer Milchkuh über Liveaufzeichnungen aus dem Bienenstock. Mit den neuesten Technologien lassen sich Storys aus einem bisher unbekannten Blickwinkel erzählen.

Ein Gastbeitrag von Jil Weber

Journalismus der Dinge. So nennt es der Freelance Creative Technologist und freie Wissenschaftsjournalist Jakob Vicari. Angefangen mit Reportagen, die er für klassische Printmedien schrieb, gab sich der 38-Jährige zunehmend seiner Liebe für Experimente hin. Die Suche nach neuen Perspektiven die Welt zu erzählen – einer der Hauptbeweggründe, weshalb Vicari überhaupt Journalist geworden ist. Er ist getrieben von der Neugierde etwas Neues zu schaffen und dazu macht er sich geschickt die neuen Technologien zunutze. Das, was in vielen Redaktionen Panik in die Gesichter der Journalisten hervorruft, bringt Vicaris Augen zum Strahlen.

Sensor im Kuhmagen

Mit Sensoren, Textrobotern und Chatbots erzählt er Geschichten wie das für den WDR produzierte Sensorjournalismus-Projekt „Superkühe“. Dafür wurden drei Kühe von jeweils drei Bauernhöfen mit einem Sensor in ihrem Magen ausgestattet, um 30 Tage lang in Echtzeit Daten über das Wohlbefinden der Tiere auszuspielen. Ziel dieses Projekts war es, den Kühen eine Stimme zu geben und Aufschluss darüber zu bekommen, welche Kuh sich am wohlsten fühlt. Uschi auf dem Bio-Hof, Emma im Familienbetrieb oder Connie vom Großhof. Natürlich ist der Zuschauer praktisch immer Live dabei und kann sich sogar mit der Kuh „unterhalten“.

Die schöne gegen die echte Welt

Damit zeigt Vicari, dass Journalismus auch anders geht. Er ist der Meinung, dass es erst den Reiz des Journalismus ausmacht, etwas Echtes zu erzeugen. Offen dafür zu sein, dass auch mal was schief gehen kann. „Genau das wollen die Leute sehen“. Sie seien gelangweilt von den perfekten und geschönten Storys, in denen es immer ein Happy End gibt. „Wir zeigen die Welt, wie sie ist“, erzählt Vicari, der glaubt, dass es im Journalismus eine große Angst vor Fehlern gibt. Dadurch würden ausschließlich die Geschichten erzählt werden, in denen nichts schief geht. Jene, in denen der Reporter mal nicht so viel Glück hatte, landen im Papierkorb. Ist es nicht aber viel Glaubwürdiger eine Kuhgeburt live auf Facebook zu übertragen, ohne zu wissen, ob sie gut gehen wird, anstatt zehn Kuhgeburten zu filmen und die Schönste für eine Reportage auf ARTE auszuwählen?

Mehr Freiräume für Kreativität

Gerade der Aspekt der Unberechenbarkeit in Kombination mit den neuen Technologien bringt neuen Wind in die Berufswelt des Journalismus. Die Angst, dass künstliche Intelligenz den Journalisten in Zukunft verdrängen könnte, sei nach Vicari vollkommen ungerechtfertigt. Er sieht sie stattdessen als sehr großen Gewinn an, um den Journalismus origineller, witziger und unterhaltsamer zu machen. Künstliche Intelligenz bietet dem Journalisten die Möglichkeit, mehr Freiräume für die eigene Kreativität zu gewinnen, indem eintönige Aufgaben an sie abgetreten werden.

Laut Vicari merkt man gerade im Sensorjournalismus, dass es trotzdem viele Journalistinnen und Journalisten braucht. Plötzlich treten ganz andere „Journalisten-Erzähl-Fragen“ in den Vordergrund. Es gehe darum, sich neue Formate auszudenken und umzusetzen. Die Frage, wie der Rezipient die Nachrichtenmeldung erhalten möchte – will er sie unter der Dusche haben? In welcher Form möchte er sie unter der Dusche haben? Will er sie vielleicht doch lieber am Frühstückstisch haben oder sogar aus der Kaffeetasse? Um diese Frage, welche Ausspielkanäle es in Zukunft geben soll, zu klären, brauche es Journalisten. Was die vernetzte Welt nicht mehr brauchen werde, sind Google-Journalisten. Es sei überflüssig, in die Zeitung zu schreiben, was sie „ergooglet“ haben.

Tausche Laptop gegen CNC-Fräße

Vor allem im Sensorjournalismus gibt es ganz andere Berufszweige zu entdecken. Statt an dem gewohnten Laptop oder Telefon finde man sich plötzlich als Maschinenführer vor einer CNC-Fräse wieder. In der Werkstatt baut Vicari gelegentlich Gehäuse für seine Sensoren. Programmieren will neben Löten auch gekonnt sein, um sich die geeigneten Textroboter und Messgeräte zusammenzubauen.

Nun besteht die Schwierigkeit darin, aus der Fülle der Daten eine spannende Story zu schaffen. Eine Liveübertragung von Daten ist ja schließlich noch kein Journalismus. Vicaris Angaben zufolge sei es deutlich schwieriger, eine Dramaturgie aufzubauen. Es erfordere mehr journalistische Kenntnisse als vorher und es mache den Beruf schwieriger. Im Vorfeld gilt es zu klären, was alles passieren kann, wenn beispielsweise über das Leben der drei Milchkühe berichtet werden soll. Es stellen sich also folgende Fragen: Was kann alles passieren? Wie bleiben die Leute 30 Tage lang dran? Was ist, wenn der Kuh etwas passiert und sie tot umfällt? Oder sich die Geburt des Kalbes verzögert? Dadurch könne unerwartet ein Bedarf an mehr Berichterstattung auftreten oder es müssen Lücken gefüllt werden.

Im Großen und Ganzen steckt hinter dieser neuen Art des Journalismus ein deutlich höherer organisatorischer Aufwand. Durch die Echtzeitberichterstattung könne nicht mehr so geplant werden wie bisher und auch das Zurechtschneiden ist nicht mehr möglich. Es muss sich also genau überlegt werden, was passieren kann. Um diesem Aufwand gerecht zu werden, brauche es die Tatkraft vieler Journalisten.

Voice statt Print

Vernetzte Spielzeuge, sprechende Spiegel und Möbel oder gar Nachrichten auf der Dunstabzugshaube – laut Vicari ist das die Zukunft des Journalismus, der sich mit der Umsetzung der verschiedenen Ausspielkanäle beschäftigt. Er glaubt, dass Print auf Papier nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Die Zahl der Leser, die noch eine 20.000-Zeichen Reportage in einer Zeitschrift lesen, gehe zurück, so der 38-Jährige. Ebenso ist das Lesen langer Artikel auf kleinen Bildschirmen wie die eines Smartphones nicht zukunftsträchtig. Aus diesen Gründen erfahre Voice eine immer größere Bedeutung. Das sehe man auch vor dem Hintergrund, dass die Zahl der Menschen steigt, die sich 20 Stunden einer neuen Netflix-Serie verschreiben.

Im Grunde genommen gehört das auch zum Geschichten erzählen, allerdings auf eine andere Art. Vicari möchte damit sagen, dass sich der Journalismus diese Mechanismen und Veränderungen in der Gesellschaft zunutze machen muss. Der Konsum von Nachrichtenmeldungen wird zukünftig bequemer und ermöglicht eine Ausspielung an den vom Rezipienten gewünschten Orten. Vicari entgegnete jedoch damit, dass es noch viele Situationen geben wird, in denen Textinformationen nötig sind. Bei der laufenden Dunstabzugshaube sind beispielsweise Nachrichten in Textform die bessere Wahl, da der Rezipient bei dem Lärm nichts hören würde.

„Vollkommene Fehlerfreiheit“ für Inhalte

Während Vicari gar euphorisch in die Zukunft des Journalismus blickt, so spricht sich auch Norbert Lossau in seiner Analyse positiv für die Implementierung der KI in den Redaktionen aus. Der 60-Jährige ist Wissenschaftsjournalist und Autor bei „Die Welt“ und sieht durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz weitere Transformationen für die Medien voraus. Vor dem Hintergrund der heutigen Schnelllebigkeit könne die künstliche Intelligenz die Arbeitsabläufe in den Redaktionen beschleunigen, indem sie die Print- und Onlineprodukte auf Fehler überprüft. Das spart nicht nur Zeit, sondern könnte eine „vollkommene Fehlerfreiheit“ für Inhalte gewährleisten, bei denen es auf schnelle Veröffentlichung ankommt. Denn gerade im Online-Journalismus stehe man im Wettkampf um die Zeit häufig vor der Entscheidung die Meldung entweder ohne Korrekturlesen zu veröffentlichen oder dreißig Minuten später, aber dafür fehlerfrei. KI kann also klarer Konkurrenzvorteil sein.

Bessere Qualität durch Rückkopplung?

Mit steigender Leistungsfähigkeit werden Maschinen zudem Beiträge teilweise oder komplett produzieren können. Lossau sagt zwar auch, dass damit weniger Bedarf an Angestellten einhergeht, doch öffne das wieder Türen zu anderen Tätigkeitsfeldern. Vicaris These, dass Medieninhalte künftig immer mehr gesprochen als geschrieben werden, kann Lossau nur bestätigen. Mit Hilfe neuer Audio-Technologien, wie sie Vicari beispielsweise in eine sprechende Kaffeetasse eingebaut hat, werden neue Formen der Mediennutzung ermöglicht.

Des Weiteren ließe sich die Qualität journalistischer Produkte durch Rückkopplung verbessern, so Lossau. Auch hier ist Vicari bereits am Experimentieren. Er könnte sich vorstellen Alexa nicht nur als Ausgabegerät, sondern auch als Befragungstool zu nutzen, um herauszufinden, was die Rezipienten denken. Das würde eine aktive Einbeziehung der Rezipienten bewirken sowie dazu verhelfen, Inhalte und Werbung maßgeschneidert anzubieten. Vicari und Lossau sind sich darin einig – die neuen Technologien eröffnen den Medien viele neue Chancen.

Es wird Zeit die Scheuklappen abzusetzen

Im Großen und Ganzen steht dem Journalismus ein Wandel der Formate bevor. Diese müssen auf die künstliche Intelligenz angepasst werden. Es wird nicht ausreichen beispielsweise die Tagesschau lediglich von Alexa vorlesen zu lassen. Die großen Unternehmen wie Apple, Google und Amazon sind damit schon voraus. Sie beherrschen die Inhalte und entwickeln die verschiedenen Varianten der Smartspeaker weiter. Sie könnten zusätzlich Druck auf die Medienunternehmen ausüben, indem sie eigene Inhalte produzieren, währenddessen die Redaktionen der Technologie hinterherhinken.

„Es funktioniert nicht mehr nach dem Motto ‘nehmt und lest’“

Jakob Vicari

Wie Vicari betont müsse man vom hohen Ross des Journalismus absteigen. Es funktioniere nicht mehr nach dem Motto „nehmt und lest“, sondern das journalistische Angebot müsse so aufbereitet werden, dass es jeden erreicht. Dafür benötigt es viele kreative Köpfe, um die KIs an die Bedürfnisse der Menschen anzupassen und diese Systeme füttern. Dadurch wird die Rolle des Journalisten in Zukunft wohl nicht an Bedeutung verlieren. Ganz im Gegenteil, die Entwicklung der neuen Technologien geht mit einer Verschiebung des Tätigkeitsfeld einher. Etwas Kreatives und Einzigartiges zu schaffen, wird nach wie vor die Aufgabe eines Journalisten sein.

Verbesserte Personalisierung

KIs bedeuten folglich nicht den Journalisten zu ersetzen, sondern sie bieten die Möglichkeit Journalismus spannender und origineller zu gestalten. Sie ermöglichen es, Geschichten aus ganz anderen Blickwinkeln zu erzählen. Die Inhalte können zudem so personalisiert werden, dass jeder Zugriff darauf hat. Das bedeutet, dass es eine Version für Senioren geben wird, eine Version für Kinder oder körperlich und geistig behinderte Menschen, sowie übersetzte Versionen für ausländischen Menschen. Eine hochentwickelte künstliche Intelligenz bietet schon heute eine präzise Online-Übersetzung in Echtzeit.

Laut Lossau ermöglicht künstliche Intelligenz die Globalisierung des Journalismus. Darüber hinaus steigern sie die Qualität der redaktionellen Produkte, da sie mögliche Fehler in der Berichterstattung beseitigen können. Trotz der vielen Vorteile, die künstliche Intelligenz mit sich bringt, stellt sich die Frage, ob die maschinell erstellten Inhalte und die Verwendung von Chatbots, Textrobotern, Sensoren sowie Sprachrobotern nicht eher eine Entfernung des Rezipienten herbeiführen. Menschliche Interaktionen würden folglich abnehmen. Vicari hat allerdings gegenteiliges festgestellt: „Die Nutzer nehmen das einfach an. Sie interessiert es nicht, mit welcher Technologie es passiert, sondern sie finden es toll, dass sie gezielte Antworten bekommen und Gespräche führen können.“ Die mitgelieferten Daten der Sensoren könnten das Vertrauen in den Journalismus wieder steigern. Laut Vicari wissen es die Rezipienten sehr zu schätzen, praktisch live dabei zu sein und die Daten überprüfen zu können.

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