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Interessant ist, was unterhält – Infotainment und Newsgames als Zukunft des Journalismus

Die Schnelllebigkeit des Internets macht Aufmerksamkeit zum kostbaren Gut. Das stellt neue Anforderungen an journalistische Formate. Im Interview spricht Henry Lai vom Bayerischen Rundfunk über die aktuellen Probleme des Journalismus und über Infotainment als mögliche Antwort.

Ein Gastbeitrag von Sabrina Huf

Die Digitalisierung hat die Medienwelt verändert. Hat das dieselben Auswirkungen auf die öffentlichrechtlichen Medien, wie auf private Medien?

Lai: Ja natürlich. Sowohl die öffentlich-rechtlichen Medien als auch die privaten Medien bedienen das gleiche Publikum. Wenn man von Zuschauergruppen und Demographien absieht, versuchen wir jeden zu erreichen. Die Digitalisierung betrifft auch jeden, weshalb wir auch im selben Maße betroffen sind.

Henry Lai entwickelt Webspecials und Newsgames.
Henry Lai arbeitet seit acht Jahren beim BR und hat sich durch die Entwicklung von Webspecials und Newsgames einen Namen gemacht. (Foto: Sabrina Huf)

Sind die Öffentlich-Rechtlichen für die Finanzierungsschwierigkeiten der Privaten verantwortlich?
Lai: Nein, das glaube ich nicht. Das würde implizieren, dass die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit der Finanzierung der Privaten zusammenhängt. Das sind zwei völlig unterschiedliche Systeme. Was auch so gewollt ist.

Wenn allerdings der öffentlich-rechtliche Rundfunk qualitativ hochwertigen Journalismus online kostenlos zur Verfügung stellt, wer zahlt dann noch Geld für das Angebot der Privaten?

Lai: Ein mündiger Bürger sollte sich nicht nur bei einem Medium informieren, sondern sollte sich mehr Informationsquellen holen – gerne auch bei den Privaten – um sich ein ausgewogenes pluralistisches Bild zu machen. Nichtsdestotrotz sind wir natürlich Konkurrenten, aber das waren wir auch vor der Digitalisierung.

Ungenutze Möglichkeiten

Wie muss sich der Journalismus in Zeiten der Digitalisierung verändern, um trotzdem noch die Aufmerksamkeit der Leser zu binden?

Lai: Ich glaube der Journalismus, sowohl die Öffentlich-Rechtlichen als auch die Privaten, müssen sich mehr auf die Digitalisierung einlassen. In den ersten Jahren der Digitalisierung wurde oft versucht, analoge Formate, die man schon vorher hatte, einfach nur ins Internet zu stellen. Aber die Digitalisierung bietet noch mehr Möglichkeiten. Nur um das Thema Newsgames zu erwähnen. Oder auch die direkte Interaktion mit dem Publikum, wie man sie auf Social-Media-Plattformen machen kann. Das alles schwingt in der Digitalisierung mit und wird glaube ich noch nicht in vollem Maße ausgenutzt. Auch die Art und Weise, wie wir uns als Journalisten verstehen. Früher hat der Journalist den Leuten etwas erzählt und jetzt ist es vielleicht eine andere Art von Kommunikation, die wir betreiben müssen.

Aufmerksamkeit durch Infotainment

Infotainment ist eine andere Art der Kommunikation. Denkst du, dass die Verschmelzung von Information und Unterhaltung eine Möglichkeit ist, um wieder mehr Aufmerksamkeit zu generieren?

Lai: Ja, ich denke schon. Die Betonung liegt hier auch wieder darauf, dass es eine Möglichkeit ist. Es ist nicht die Möglichkeit, die alle Probleme lösen wird. Aber es ist eine Methode, um das Publikum unterhaltend an Informationen heranzuführen. Beispielsweise gibt es Angebote, die das Publikum auf Missstände hinweisen oder Missverständnisse aufdecken. Da haben wir unterhaltende Formate, die aber auch lehrreich sind.

Humor bei komplexen Themen

Was hältst du von Angeboten, die Informationen humoristisch aufbereiten? Also Satire-Angebote wie die Anstalt, oder auch englische Angebote wie LastWeek-Tonight?

Lai: Diese Formate, wie Last Week Tonight oder das Neo Magazin Royale, erfreuen sich riesiger Beliebtheit. Sie greifen auch Themen auf, besonders John Oliver, die, wenn man sie in einem normalen Nachrichten Format verpacken würde, zu komplex und fad wären. Viele Menschen würden sich mit den Themen nicht befassen wollen. Mit Hilfe des Humors kann man diese Themen einer breiteren Masse nahebringen. Ich finde das gut.


Artikel zum Thema: Infotainment: Von Spiel und Spaß im Journalismus


Für jemanden der sich nicht für Politik interessiert, kann es schwer sein den Humor von der Nachricht zu unterscheiden. Ist es daher nicht auch gefährlich die beiden so stark zu verschmelzen?

Lai: Bezogen auf John Oliver, dessen Format ich besser kenne, sehe ich die Gefahr nicht. Was eine Satire ausmacht oder was auch einen Witz ausmacht, ist die Übertreibung. John Oliver übertreibt in seinen Stücken die Sachen, die ganz offensichtlich ein Witz sind, so stark, dass ich nicht glaube, dass ein normal denkender Bürger je seine Witze mit der Realität verwechseln könnte. Und ich habe auch die naive Hoffnung, dass jemand, der sich für die in Last Week Tonight angesprochenen Themen interessiert, die Themen auch nachlesen und nachprüfen wird. John Oliver bezieht sich in seinen Stücken immer auf die Berichterstattung von etablierten Medienhäusern, er kuratiert die Berichterstattung aus Zeitung und Fernsehen.

Zweiklassengesellschaft bei Satire?

Ein anderes Problem, dass Formate wie die Anstalt haben, ist, dass es eine gewisse politische Vorbildung braucht, um sie zu verstehen. John Oliver im Gegenzug bereitet Themen von Grund auf. Ist das nicht kritisch, weil dadurch eine Zweiklassengesellschaft geschaffen wird?

Lai: Gebildete Menschen können sich weiterbilden und darüber lachen, während Menschen aus den unteren Bildungsschichten außen vor gelassen werden. Naja, das ist ja nicht das Problem des Formats. In einer idealen Welt würde sich jeder soweit auskennen, dass er mitlachen kann. Von daher ist das Format aus meiner Sicht fein raus. Wir müssten uns eher darüber Gedanken machen, warum so eine Situation entstehen kann, warum sie entstanden ist. Warum gibt es Menschen, die sich nicht für Politik interessieren? Da müssten wir ansetzten und fragen, wie wir Politik für diese Menschen interessant machen könnten. Oder warum ist Politik für diese Menschen uninteressant? Das ist eine Frage, der nachgegangen werden muss.

Henry Lai sieht Potential in Newsgames für den Journalismus
Henry Lai sieht Potential in Newsgames für den Journalismus. (Foto: Sabrina Huf)

Ist es nicht auch bei technischen Themen so, dass sie nicht gut genug an die Menschen herangetragen werden?

Lai: Sei es der Klimawandel, die Digitalisierung oder Industrie 4.0, bei denen vielen das Verständnis fehlt. Ja, das stimmt. Allerdings muss man sagen, dass die Welt immer komplexer wird. Aber man kann auch komplexe Gegebenheiten einfach erklären, wenn man sich die Mühe gibt. Gerade bei technischen Themen. Wenn man nur mal in den Bereich IT-Sicherheit reingeht, gibt es so viele interessante, wichtige und auch erschreckende Dinge, die die Menschen nicht wissen beziehungsweise, die sie nicht verstehen, die man mal erklären müsste.

Wird Technik von den klassischen Medien stiefmütterlich behandelt?

Lai: Journalisten sind auch nur Menschen. Es gibt Journalisten, die sich in diesem Bereich spezialisieren. Die kennen sich aus und können das auch erklären. Man kann nur etwas erklären, wenn man es auch selber verstanden hat. Viele andere Journalisten sind vielleicht ebenfalls überfordert mit den technischen Neuerungen, die fast schon täglich auf uns einprasseln. Und ich kann mir vorstellen, dass es dann zu Missverständnissen kommt.

Newsgames – bisher erfolglos?

Du hast vorhin Newsgames erwähnt, als eine Möglichkeit, um der Digitalisierung zu begegnen. Was genau sind Newsgames?

Lai: Newsgames sind Spiele, die mit Hilfe ihrer Spielmechanik eine Geschichte erzählen, die journalistisch aufgearbeitet wurde. Mit Geschichte ist dabei nicht die Storyline der Charaktere gemeint. Sondern, dass der Spieler ein System, einen Zusammenhang begreift, in dem der Spieler ihn nachspielt. Dadurch, dass der Spieler seine persönlichen Erfahrungen aus dem Spiel mit den Geschehnissen, die das Spiel darstellt, verknüpfen kann, bleibt der Zusammenhang besser in seinem Gedächtnis haften.

Warum gibt es keine erfolgreichen Newsgames?

Lai: Es gibt durchaus erfolgreiche Newsgames – es sind nur sehr wenige. Ein sehr erfolgreiches Newsgame ist beispielsweise Endgame: “Syria”, ein Spiel aus Großbritannien von GameTheNews. Die konnten das sogar vermarkten und offiziell verkaufen. Man kann sich darüber streiten, ob das Indiegame “Papers, Please” ein Newsgame ist. Es finden sich Beispiele, die sich mit dieser Art des Erzählens auseinandersetzen, die auch kommerziell erfolgreich waren. Was das Genre der Newsgames angeht, würde ich dir recht geben, dass sie nicht so bekannt sind. Das liegt daran, dass sie sehr aufwendig zu produzieren sind. Zumindest hierzulande sind nur wenige Medienhäuser Willens und in der Lage diese Art von Produktionskosten zu stemmen.

Wenn ein Newsgame eine Geschichte faktisch richtig erzählt und so die Hintergrundinformationen vermittelt, sind dann auch kommerzielle Spiele, die wahre Begebenheiten widerspiegeln, Newsgames?

Lai: Nein. Ein Newsgame zeichnet sich dadurch aus, dass die Hintergründe journalistisch aufgearbeitet sind. Im banalsten Fall ist ein Journalist bei der Entwicklung, beim Gamedesign mit dabei. Zudem sind kommerzielle Spiele wie “Call of Duty” oder “FIFA” dazu da, um Spaß zu machen und den Entwicklern Geld zu bringen. Ein Newsgame sollte in erster Linie dazu da sein, seine Geschichte zu vermitteln und der Spielspaß sollte erst an zweiter Stelle kommen.

Keine langweiligen Spiele

Ist das nicht genau das Problem, weswegen Newsgames bis auf wenige Ausnahmen nicht erfolgreich sind? Dass sie den Spaßfaktor oder die Unterhaltung zu weit unten ansetzen?

Lai: Das liegt, wie gesagt, auch daran, dass sich viele Medienhäuser keine Newsgames leisten können. Dadurch kann man in diesem Bereich nicht viel experimentieren und ausprobieren. Wenn man sich festlegt, ein Newsgame zu machen, dann ist man Monate, Jahre damit beschäftigt, wobei das Ergebnis unsicher ist. Deswegen wagen so viele diesen Schritt nicht. Erst wenn man sich daran herantastet, kann man auf ein Spiel kommen, das sowohl journalistisch korrekt und spannend ist, aber auch Spaß macht zu spielen. Das Format Newsgames ist nicht gleich ein langweiliges Spiel. Wir hatten bis jetzt nur noch keine Tripel-A Produktion.

Wenn Geld keine Rolle spielen würde und du zu einem beliebigen Thema ein Newsgame machen könntest, was würdest du wählen?

Lai: Ich glaube ich würde das Thema Bahnfahren und Verspätungen nehmen. Das wäre dann ein Strategiespiel, bei dem der Spieler dafür sorgen müsste, dass kein Zug zu spät kommt.

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