Toggle Navigation

Listening Center: Ein Rettungsboot in der Informationsflut?

Die Digitalisierung erzeugt Unmengen an Informationen. Ein Technikjournalist muss sich in den vielfältigen Kanälen zurechtfinden. Die Algorithmen des Listening Centers können die relevanten Informationen im tiefen Meer der sozialen Medien aufspüren.

Ein Gastbeitrag von Lena Kiefhaber

Die Digitalisierung führt zu einer Mediatisierung der Gesellschaft. Dies stellten unteranderem Leif Kramp und Stephan Weichert im Jounalistikon fest. Die Technik hat einen weitgreifenden Einfluss auf die Gesellschaft. Der Siggener Kreis stellte 2018 fest: Nur wenn über und mit Technik und Wissenschaft gesprochen wird, ist eine Demokratie möglich. Doch mit dem Sprechen über Technik allein erfüllt ein Technikjournalist noch nicht seine Aufgabe.

Smart-Home-WG für mehr Sicherheitsbewusstsein

Die Bevölkerung muss abgeholt werden und die Themen müssen verständlich aufbereitet sein. Dies gelang 2019 der sogenannten Smart-Home-WG, in der Journalisten unter anderem die Sicherheitslücken von Smart Home-Anwendungen aufdeckten. Sie gewannen mit ihrem Selbstexperiment den PUNKT3-Preis für Technikjournalismus und Technikfotografie, der von der deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech) verliehen wird. Die Jury lobte „die intelligente, unterhaltsame und zugleich kritische Aufbereitung für eine junge Zielgruppe. Vorbildlich sei die crossmediale und interaktive Aufbereitung, die Instagram und YouTube nutzt und verknüpft.“ Mit einem Budget von 350 Euro wurde aus einer News-WG eine Smart-Home-WG. Während der Verwandlung wurden mit Hackerangriffen Sicherheitslücken aufgespürt. So wurde das Thema Cybersicherheit den Rezipienten auf den verschiedenen Kanälen nähergebracht.

„Medien müssen ihre Nutzer verstehen lernen“

Ayad Al-Ani

Die Digitalisierung hat einen enormen Einfluss auf den Journalismus. Neue Quellen, Darstellungsformen und Themen tauchen auf. „Die Digitalisierung verändert Politik, Gesellschaft und Journalismus: Leser wollen Informationen, um selbst zu entscheiden. Medien müssen ihre Nutzer verstehen lernen“, fasst Ayad Al-Ani als Gastautor von ZEIT ONLINE die Wirkung der Digitalisierung auf den Journalismus zusammen.

In einen der zahlreichen Kommentare unter dem Artikel fordert ein User etwa: „Der Journalismus muss sich nicht in einer Reihe von Google und Co einsortieren und seinen Leser besonders gut kennen (…). Der Journalismus sollte unbedingt lernen, dass die Grundaufgaben erfüllt sein müssen, bevor man größer wird. Die Grundaufgabe des Journalismus ist es, zu informieren. Informieren bedeutet Objektivität. Nach dieser Aufgabe kommt die Zweite: Das Zusammenfügen von Informationen. Also den Zusammenhang von verschiedenen Informationen zu verarbeiten und zu erklären. (…)“

Twitternde Bienen

In einer Welt, in der Firmen ihre Marken zu Sendern verwandeln, strömen auf die Menschen immer mehr Informationen ein. Nicht nur die Rezipienten, auch die Journalisten trifft die Informationsflut. Der technologische Transformationsprozess führt Björn Staschen und Kramo zufolge zu fünf übergreifenden Trends im Journalismus: Konnektivität, Omnipräsenz, Differenzierung, Beschleunigung und Datafizierung.

Dies zeigt sich in Entwicklungen wie dem JoT (Journalism of Things), welcher sich vom Begriff des Internet of Things ableiten lässt. Darin werden Gegenstände mit Sensoren ausgestattet und mit dem Internet verbunden. Für den Journalismus bietet diese neuartige Konnektivität die Möglichkeit, zum Beispiel Bienenköniginnen twittern zu lassen. Das realisierten verschiedenen Sensoren, die im Bienenstock angebracht worden waren.

Der Technikjournalismus sieht sich also vielen Veränderungen gegenüber. Das userzentrierte Web 2.0 bietet zudem jedem die Möglichkeit, seine Meinung zu äußern. Journalisten können den Nutzer also kennen lernen? Liest man die Kommentare der einschlägigen News-Seiten, so kann man dies zumindest bei jenen Nutzern beobachten, die sich auch zu Wort melden. Als Journalist hat man jedoch nicht die Möglichkeiten, Zeit und Ressourcen, um alle Kommentare zu lesen. Die Rheinische Post hat deshalb in Zusammenarbeit mit der Firma Convidera eine technische Lösung für dieses Problem entwickelt: Das Listening Center.

Thema-Scanning: Kommentare im Netz

„Das Listening Center hilft dabei, Relevantes und Aktuelles vom Rest der schnell wachsenden digitalen Beiträge zu trennen, auszuwerten und darauf reagieren zu können“, so Michael Buck, CEO bei Convidera. Mit der Anwendung wird das Themen-Scanning im Netz möglich, systematisiert und professionalisiert.

Dies bietet den Journalisten die Möglichkeit, aus ihrer eigenen Filterblase auszubrechen, Bereiche umfassender abzudecken und Zielgruppen genauer kennen zu lernen. „Es gibt einem die Möglichkeit, das ganze Netz nach interessanten Themen zu durchkämmen“, erklärt Hannah Monderkamp, Chefin vom Dienst bei der Rheinischen Post, im Interview. Mittels komplexer Algorithmen durchsucht die Anwendung das Netz nach zuvor eingestellten Keywords und liefert so eine Echtzeitübersicht zu den entsprechenden Themenfeldern. In der Technikberichterstattung wird es bisher noch nicht eingesetzt. Gerade die Weiterentwicklung des Tools hin zur automatisierten Trenderkennung würde den Alltag der Technikjournalisten jedoch stark erleichtern.

Chancen, aber auch Risiken

Neben den Chancen eines Listening Centers gibt es auch Risiken, welche besonders bei der Technikberichterstattung relevant sein können. „Man muss noch mal genau schauen, was wirklich der Trend ist und was nur von Unternehmen getrieben ist. Gerade im Bereich der Technik ist dies schwierig, da es häufig nur eine Quelle gibt“, so Monderkamp. Sie ist sich jedoch sicher, dass das Tool eine Bereicherung für die Technikberichterstattung wäre. Auch Google hat das hohe Innovationspotenzial für den Einsatz in journalistischen Abläufen erkannt und unterstützt das Projekt im Rahmen der Google News Initiative. Das Listening Center ersetzt keine Recherche, sondern liefert nur Hinweise. Nachrecherchieren muss der Journalist dann immer noch selbst. „Die Zahlen sind zwar wichtig, sie sollten aber nicht das einzige Kriterium sein“, meint Monderkamp.

Kommentiere