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Infotainment: Von Spiel und Spaß im Journalismus

Das Nutzungsverhalten der Rezipienten verändert sich. Dadurch steht der klassische Journalismus vor neuen Herausforderungen. Vermarktung, Vertrieb, Nutzung und Darstellungsweise müssen sich an die digitalisierten Kommunikationswege anpassen.

Ein Gastbeitrag von Sabrina Huf

Digitale Endgeräte ermöglichen es Nutzern jederzeit und überall auf Informationen und Nachrichten im Internet zuzugreifen. Dadurch entstehen nicht nur neue Anforderungen an die Aufbereitung von Inhalten, sondern auch etablierte Finanzierungsformen der Medienhäuser brechen weg. Zwar ist das Vertrauen in Internetquellen laut der Langzeitstudie Medienvertrauendes Instituts für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz niedrig und die Nutzer präferieren Bitkom-Studien zufolge die Angebote klassischer Medienhäuser. Jedoch belegt der Digital News Report 2019 der Nachrichtenagentur Reuthers, dass nur die wenigsten bereit sind für digitale Angebote Geld zu bezahlen. Die Auswirkungen der Digitalisierung beschränken sich dabei aber nicht nur auf Darstellungs-und Finanzierungsformen: Durch die Allgegenwärtigkeit und Schnelllebigkeit des Internets, wird Aufmerksamkeit zum kostbaren Gut.

Erklären ist die Kernaufgabe

Im Kampf um Visits, Page Impressions, Unique Visitors und der Aufmerksamkeit der Nutzer im Allgemeinen sollte die Funktion des Journalismus in der Gesellschaft nicht in den Hintergrund abrutschen: Der Beitrag des Journalismus zum öffentlichen Meinungsbildungsprozess, durch die Information der Öffentlichkeit über politisch, wirtschaftlich oder kulturell relevante Themen. Dabei reicht es Kai-Uwe Hugger und Claudia Wegener zufolge nicht aus, die Nachrichten in angemessener Qualität und ausreichendem Umfang anzubieten. Die Informationen müssen auch so aufbereitet werden, dass der Rezipient relevante Inhalte Selektieren, Aufnehmen und Verstehen kann. Genau an dieser Aufgabe scheinen die Medien zu scheitern. Zumindest nehmen es die Rezipienten so wahr: Im Digital News Report 2019 geben die Befragten an, dass Medien zwar über neue Entwicklungen informieren, diese aber nicht ausreichend gut erklären.

Um einem Nutzer einen Sachverhalt erklären zu können, ist es jedoch zunächst notwendig, dessen Aufmerksamkeit einzufangen und sie anschließend so lange zu binden, dass er die Erklärung überhaupt liest. Dies gestaltet sich besonders schwierig, wenn 59% der Leser bei Onlinenachrichten nur noch die Überschriften lesen, so zumindest das Ergebnis einer Studie der Columbia University, die die Tweets US-amerikanischer Medienhäuser ausgewertet hat. Mehr als jeder zweite Link, der geteilt wurde, hatte keine Klicks. Die Nutzer lasen die Artikel also nicht, bevor sie sie teilten.

Journalismus ist, wenn man trotzdem lacht

Nicht alle Medienanbieter haben dieselben Probleme. Die Bildzeitung hat, laut DWDL mit einer verkauften Auflage von 1,2 Mio. im 4. Quartal 2019 eine Auflage von der andere Tageszeitungen nur träumen können. Auch Online hat Bild.de mit Abstand die meisten Visits und ist bei den Unique Users nur knapp hinter Focus Online. Die Boulevardpresse scheint sich in der sich verändernden Medienlandschaft besser zurecht zu finden, als die auf Nachrichtenjournalismus ausgelegten Medien. Jan Krone schreibt das einer publizistischen Divergenz in einer konvergierenden Medienumgebung zu. Er teilt dabei Unterhaltung und Information in zwei deutlich getrennte kommunikative Genres ein. Boulevardmedien sowie Fernsehen und Hörfunk hätten den Vorteil, beide kommunikativen Genres über ihre Marke zu transportieren.

Aufmerksamkeit durch Humor

Gerade Infotainment-Angebote, die die beiden kommunikativen Genres Unterhaltung und Information verschmelzen, erfreuen sich aktuell steigender Beliebtheit. In den USA erreichen Late-Night-Shows, die Satire mit Information verschmelzen, vor allem junge Menschen, die durch klassische Medien kaum noch erreichbar sind. Das ergaben zumindest die Forschungen von Christiane Grill, die als Kommunikationsforscherin am Zentrum für Europäische Sozialforschung an der Universität Mannheim arbeitet. Die Formate schaffen es dabei Aufmerksamkeit für komplexe Themen zu generieren.

„Mit Hilfe des Humors können Themen einer breiteren Masse nahegebracht werden, die sich normalerweise nicht damit befassen würde. In ein normales Nachrichtenformat verpackt, wären sie zu komplex und fad“, erklärt Henry Lai vom Bayerischen Rundfunk im Interview. Die Formate beschränken sich dabei längst nicht nur auf Politiksatire. Auch technikjournalistische Themen werden aufgegriffen und dem Publikum einfach, verständlich und unterhaltsam vermittelt. Wenn John Oliver in Last Week Tonight über Kryptowährungen redet, startet er mit: „Tonight we are going to talk about cryptocurrencies: Everything you don’t know about money combined with everything you don’t know about computers” und erreicht damit über zehn Millionen Menschen allein auf YouTube.

Die Anstalt thematisiert im Januar 2019 die Baupläne von Stuttgart 21 und startet mit der Lautsprecherdurchsage: „Achtung eine Durchsage: Die Sendung erreicht nun Stuttgart 21 mit einer Verspätung von zehn Jahren. Wir bitten die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen“, und erreicht damit auf YouTube immerhin 1,5 Millionen Menschen. Nicht nur generieren und binden die Formate mehr Aufmerksamkeit, der Humor hilft auch, die Informationen besser zu verarbeiten und im Gedächtnis zu behalten. In einer Studie hat der Psychologe Randy Garner herausgefunden, dass sich Studenten besser an statistische Informationen erinnern, wenn die Informationen bei der Vermittlung mit kontextuellem und angemessenem Humor untermahlt sind.

Spielerisch Lernen

Eine weitere vielversprechende Darstellungsform, die Unterhaltung und Informationen verbindet, sind Newsgames. Diese Videospiele „erzählen mit Hilfe ihrer Spielmechanik eine journalistisch aufgearbeitet Geschichte. Der Spieler begreift den Zusammenhang, indem er ihn nachspielt“, erklärt Henry Lai. Jedoch ist nicht jedes Videospiel, das eine wahre Begebenheit nachspielt, auch ein Newsgame. Klaus Meier spricht sich dafür aus, dass nur solche Spiele als Newsgames erachtet werden, die von einer unabhängigen Medienorganisation hergestellt wurden und die der Bildung und Vermittlung von Wissen dienen. Genau bei der Wissensvermittlung zeigen Newsgames ihre Stärke.

Die Studie „A meta-analysis of the cognitive and motivational effects of serious games“ von Pieter Wouters hat herausgefunden, dass durch digitale Spiele neue Fertigkeiten und Wissen effektiver erworben werden können, als durch reguläre Lernangebote. Auch wird das Gelernte von den Versuchsteilnehmern besser behalten. „Dadurch, dass der Spieler seine persönlichen Erfahrungen aus dem Spiel mit den Geschehnissen, die das Spiel darstellt, verknüpfen kann, bleibt der Zusammenhang besser in seinem Gedächtnis haften,“ erklärt Henry Lai den Effekt. Auch für die Art der Wissensvermittlung bieten Computer- und Videospiele verschiedene Darstellungsformen: Vom Strategie- und Aufbauspiel bis hin zum Rollenspiel. Dies ermöglicht es, Inhalte dem jeweiligen Thema entsprechend darzustellen.

Infotainment als Finanzierungschance?

Neben der Vermittlung von Wissen sind aber vor allem die wirtschaftlichen Aspekte der Computer- und Videospielindustrie interessant. In Deutschland wurden laut Statista im Jahr 2018 rund 45 Millionen Videospiele verkauft, die insgesamt einen Umsatz von etwa 1,08 Milliarden Euro erwirtschafteten. Für eine Medienindustrie, die mit Finanzierungsschwierigkeiten zu kämpfen hat, bieten Newsgames nicht nur eine neue Darstellungsform, sondern auch eine Möglichkeit sich zukünftig zu finanzieren.

Jedoch ist vermutlich die Finanzlage auch der Grund, warum bislang kaum erfolgreiche Newsgamesauf dem Markt erschienen sind. Die Entwicklung von Computer- und Videospielen braucht viel Zeit und Geld, zwei Grundbestandteile, an denen es in der Medienbranche mangelt. Das Entwicklerstudio Rockstar Games hat fünf Jahre und über 200 Millionen Euro in die Produktion von Grand Theft Auto V, eines der erfolgreichsten kommerziellen Spiele der letzten Jahre, gesteckt. Zwar befinden wir uns, was die Produktionskosten angeht im oberen Segment – das Smartphone Spiel Angry Birdshat immerhin nur 140.000 US Dollar gekostet und ist damit eines der profitabelsten Spiele, die jemals erschienen sind – jedoch liegt die Produktionszeit im Durchschnitt für Video- und Computerspiele.

Die Zeit, die für die Entwicklung eines Newsgames nötig ist, verhindert, dass tagesaktuelle Nachrichten vermittelt werden können. Dennoch eignen sich Newsgames, um zeitlose Inhalte darzustellen. Das grundlegende Problem, dass Medienhäuser viel Zeit und Geld investieren müssten, um am Ende ein Produkt zu erhalten, dessen Erfolg unsicher ist, bleibt jedoch bestehen.

Humoröses Nachspiel

Die Vermischung von Unterhaltung und Information ermöglicht es also nicht nur, neue Zielgruppen zu erreichen, sondern hilft auch dabei, die Informationen verständlicher und einprägsamer zu vermitteln. Trotz der Vorteile, die die Darstellungsformen mit sich bringen, können sie den klassischen Journalismus nicht ersetzen. Satire-Angebote sind auf die Berichterstattung etablierter Medien angewiesen und die Entwicklungszeit von Newsgames macht eine aktuelle Information unmöglich. Allerdings können sie das Portfolio der Medienhäuser bereichern, vor allem, wenn es darum geht, den Rezipienten Sachverhalte und Zusammenhänge zu erklären. Im Besonderen können technische Themen, die in der Regel zeitlos sind, durch solche Formate unterhaltsam und anschaulich vermittelt werden.

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