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„Darf er das?“ – Grenzen der Comedy

„Wenn er das heute sagen würde, wäre er schon längst abgesetzt!“ – So oder so ähnliche Kommentare sind keine Seltenheit in YouTube-Kommentarsektionen, beispielsweise bei alten Ausschnitten von Stefan Raabs berühmter Show „TV Total“. Deutschlands vermutlich erfolgreichster und berühmtester Comedian zieht in seiner Show über sämtliche Minderheiten her und nimmt seine „Opfer“ anhand von vermeintlichen Stereotypen regelrecht auseinander. Was hat das mit Comedy zu tun?

Besonders das weibliche Geschlecht kommt bei Raab selten gut weg. Von „Warum ist sie nicht in der Küche“ bis hin zu „Du hast dich doch hochgeschlafen“ sind viele geschmack- und respektlose Aussagen mit dabei. Sogar seine Gäste bekommen das zu spüren. Sieht man sich im Jahr 2021 die besagten Ausschnitte an, ist ein extremer, unangenehmer Beigeschmack nicht zu vermeiden. Die Reaktion des damaligen Publikums lässt aber anderes vermuten. Es wird laut gelacht und kräftig auf Schenkel geklopft. Heute lässt sich nur den Kopf schütteln. Aber warum ist das so? Hat sich unsere Wahrnehmung bezüglich der Comedy geändert? Sind wir zu sensibel geworden? Und wann sind die Grenzen zur Beleidigung und Geschmacklosigkeit erreicht?

Satire vs. Comedy: Wo ist der Unterschied?

Grundsätzlich muss zwischen Satire und Comedy klar unterschieden werden. Denn: Oft verbergen sich im Deckmantel der Satire Diskriminierungen und Beleidigungen. 1919 beantwortete Kurt Tucholsky die Frage „Was darf Satire?“ noch mit „Alles“. Also darf die Satire laut Tucholsky beleidigen und diskriminieren? Spoiler-Alert: Nein, das darf sie nicht. Satire muss gewissen Spielregeln folgen. Sie hat das Ziel, auf eine unterhaltsame Weise zu informieren, der wesentliche Bestandteil ist ja nach wie vor der Humor. Informiert wird über Missstände und aktuelle Ereignisse. Das bedeutet wiederum, dass es ein Ideal benötigt, an dem gemessen wird, welches durch ein Fehlverhalten seitens einer Person oder Institution verfehlt wurde. Das Ziel der Satire ist also im besten Fall die Menschen zum Lachen, aber im Wesentlichen zum Nachdenken zu bringen. Wichtig dabei ist, dass eine klare Kritik geäußert und eine deutliche Stellung zu der Thematik bezogen wird. Auch wenn sich die Satire, so wie die Comedy an Überspitzungen und Übertreibungen als gängiges Stilmittel bedient, dürfen Fakten nicht verfälscht werden. Denn sonst sind wir schnell bei der Propaganda – und da wollen wir nicht hin. ­Abgesehen davon ist der ironische Humor auch ein elementares Instrument, um dem kritischen Anspruch der Satire gerecht zu werden. Übrigens ist der besagte kritische Anspruch auch genau der springende Punkt. Ohne diesen ist Satire nämlich keine Satire, sondern Comedy. Apropos Comedy…

Was Comedy darf

Um diese Frage zu beantworten, kann man diese erst mal umdrehen: Was darf Comedy nicht? Comedy darf weder diskriminierend noch beleidigend sein. Ein oft gewähltes Totschlagargument diverser Comedians, um gegen Kritik vorzugehen, ist die Meinungs- und Pressefreiheit. Diese wird aber meist absichtlich falsch verstanden. Das tatsächlich existierende Recht auf freie Meinungsäußerung bedeutet nämlich keine absolute Freiheit, sondern muss stets im Kontext von anderen Grundrechten betrachtet werden. Die Würde des Menschen und auch das Recht auf Unversehrtheit, das neben körperlichen auch seelische Implikationen besitzt, stellt eine natürliche Begrenzung von individuellen Freiheitsrechten dar. Wie weiter oben bereits erwähnt, haben gewisse Comedy-Formate ein wesentliches „Deckmantel-Problem“. Diskriminierungen und Beleidigungen werden „ganz einfach“ als Witze und Späße getarnt. „Hab dich mal nicht so, ist doch nur ein Witz!“. Wie oft haben Sie diesen Satz schon gehört? Ob man etwas als „witzig“ oder „lustig“ wahrnimmt, ist eine rein subjektive Sache. Nur weil ich etwas als „witzig“ wahrnehme, heißt das nicht, dass mein Gegenüber das auch witzig findet. Genauso gilt aber auch: Wenn ich etwas nicht witzig finde, heißt das nicht, dass andere Menschen darüber nicht lachen können.

Es kommt auf den Kontext an

Ausschlaggebend ist, über wen oder was gescherzt wird und was die konkrete Aussage des Witzes ist. Besonders schwierig wird es bei Personengruppen und Minderheiten, die bereits mit strukturellen und gesellschaftlichen Problematiken konfrontiert sind. Denn meist sind es genau die Probleme dieser Menschengruppen, die stereotypisiert werden. Warum dann genau auf diese Aspekte eingehen? Das Ergebnis ist nämlich, dass gesellschaftliche und soziale Probleme relativiert werden. Probleme, die ernstzunehmend sind und nicht, wie im Gegenteil ins Lächerliche gezogen werden. Ein weiteres Problem ist, dass Comedians mit ihren teils diskriminierenden, rassistischen und sexistischen Witzen Futter und Legitimationsgründe für rassistische und faschistische Gruppen der Bevölkerung liefern. Ein Beispiel dafür ist der Comedian Serdar Somuncu. Ausgerechnet er, der selbst in der Türkei geboren ist, basiert seinen überaus „schwarzen Humor“ auf Klischees über die türkischstämmige Bevölkerung. Somuncu wurde damit „Kronzeuge“ rechtsradikaler Gruppen gefeiert, der zudem noch die Aussage traf, dass „alle Minderheiten ein Recht auf Diskriminierung haben“. Lieber Serdar, eine sehr problematische Äußerung, die sich im Zuge eines digitalen Zeitalters wie ein Lauffeuer verbreiten kann.

Alles hat seine Grenzen

Fakt ist, dass auch Worte verletzen können. „Talk is cheap“ – diese Aussage ist leicht getroffen. Aber Worte vermitteln Emotionen und Gedanken, die Dinge in Menschen auslösen. Warum also nicht Worte weise Wählen und Rücksicht nehmen? Die Essenz des Humors ist es, Dinge ins Lächerliche zu ziehen, sie nicht ganz so ernst zu nehmen. Warum dann aber auf Kosten der Menschen, die es sowieso schon schwer genug haben? Um es philosophisch auszudrücken: Jeder einzelne Aspekt im Leben der Menschen befindet sich im Wandel. Nichts ist absolut. Und auch der Humor als solches und die akzeptiere Salonfähigkeit ist davor nicht geschützt. Auch kein Stefan Raab, dessen Witze vor 15 Jahren heute keinen Anklang mehr finden sollten.

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