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Gabor Steingart und der Pionierjournalismus

Der Journalist und Autor Gabor Steingart will mit seiner schwimmenden Redaktion, der ‘Pioneer One‘, Journalismus neu denken. Im Interview erzählt Steingart, was ihn und seine Crew auf der Spree zu Pionieren macht.

Ein Gastbeitrag von Ronja Dörr

Das deutsche Wort „Pionier“ kommt vom mittelfranzösischen „pionnier“ und lässt sich etwa mit „Wegbereiter“ oder „Vorkämpfer“ übersetzen. Eine ehrenhafte Funktion hat dieser Pionier inne. Träte man doch ohne seine neuen Impulse nur auf der Stelle. Gabor Steingart bezeichnet sich als “Pionierjournalist”.

Foto: Media Pioneer

Was verstehen Sie unter Pionierjournalismus, Herr Steingart? Wie gestaltet sich das in der Praxis?

Pionierjournalismus heißt, dass man all das, was Vergangenheit ist und sich nicht bewährt hat und nicht zukunftsfähig ist, radikal analysiert, versteht und dann auch abschneidet. Zum Beispiel das Papier. Papier ist für mich heute nicht mehr Teil von Pionierjournalismus. Oder Werbung! Die Anzeigenfinanzierung von Medien ist eine Tradition. Aber eine, die sich meiner Meinung nach aus ethischen Gründen nicht bewährt hat. Aus kaufmännischen Gründen ist diese Art der Finanzierung auf der Verliererstrecke: Die Werbeindustrie schafft sich ihre Formate selbst und bewirbt ihre Produkte über eigene Kanäle in sozialen Medien.

Nach vorne geguckt ist Pionierjournalismus partizipativer Journalismus. Einer, der Leser:innen und Hörer:innen wirklich ernst nimmt und einbindet. Und zwar nicht nach Gutsherrenart, sondern aus der schlichten Erkenntnis heraus, dass man weiß, dass man nichts weiß. Der Satz ist unter Journalisten sehr unbeliebt. Im Journalismus ist es zum Beispiel Usus geworden, dass alle über Technik sprechen, aber keiner eine Ahnung hat. Es gibt praktisch keinen Journalisten, der die Kernenergie wirklich versteht. Das sind keine zehn von 100.000 Journalisten. Trotzdem schreiben darüber so viele. Und darin liegt die Chance für partizipativen Journalismus: Dass man Menschen, die etwas davon verstehen, einbindet. Experten eine Stimme, eine Bühne zu geben, macht Journalismus besser, bürgernäher und auch wahrhaftiger.

Neugier statt Haltung

Welche Voraussetzungen müssen Pionier-Journalist:innen Ihrer Meinung nach mitbringen?

Neugier spielt eine deutlich größere Rolle als die Haltung. Eines der heutigen Missverständnisse in dem Beruf ist, dass ein Journalist zunächst einmal eine Haltung zu den Dingen braucht. Die braucht er nicht. Sondern er muss neugierig sein und muss reportieren, wenn er in ein Land des Islams geht, wenn er in ein Kriegsgebiet geht, wenn er über eine neue Technologie berichtet. Zunächst muss immer die Neugier am Beginn stehen. Die eigene Haltung zum Islam oder Kriegen muss unwichtig sein. Als Reporter bin ich nicht als Pazifist oder als Kriegsgegner unterwegs. In Kriegsgebieten geht es an erster Stelle darum, neugierig und wahrhaftig zu sein. Da gelten ganz andere Tugenden. Insofern gibt es unter Journalisten heute ein Missverständnis: Sie sind keine Aktivisten, keine Träger von religiösen oder anderen Haltungen. Stattdessen müssen sie neugierig, aufklärerisch und enthüllend sein. Im besten Falle bringen sie noch Verständnis für das Thema mit.

Ist Pionierjournalismus ein Vorbild, zu dem der traditionellere Journalismus aufschauen kann?

Der traditionelle Journalismus wird nach und nach absterben. So wie das Alte eben nach und nach abstirbt. Wie der Verbrennungsmotor oder die Schallplatte. Noch schlimmer als der Haltungsjournalismus ist ja der obrigkeitsstaatliche Journalismus. Wo manche nur auf Politiker in Aufsichtsgremien hören und willfährige Berichte verfassen, um damit Karriere in den Öffentlich-Rechtlichen zu machen. Das wird absterben, weil die Leute das nicht wollen. Sobald sie Auswahl haben, verlassen sie die autoritären Medien. Das Publikum weist uns schon den Weg. Das zeigt auch der Erfolg vieler amerikanischer Medien wie Google, Facebook, Twitter oder LinkedIn, weil es hier partizipative Elemente gibt. „Partizipativ“ im Sinne von: Ich darf mich selbst artikulieren, ich darf selbst Medium sein. Warum hat das eigentlich kein Deutscher erfunden?

“Alles anders”

Im Zusammenhang mit Journalismus liest man immer häufiger von Innovation, neuerdings taucht auch der Pioniersbegriff auf. Welchen Mehrwert bringt der „Pionier“?

Für mich ist der Pionier ganzheitlicher. Der Begriff „Innovation“ ist sehr technisch behaftet. Bei der Erkundung der Antarktis und der Entdeckung des Südpols gab es moderne Techniken wie zum Beispiel den Motorschlitten, die Herr Scott als Innovation mitgenommen hatte. Aber die Technik ist hier nicht der Pionier. Die Pioniere waren damals Scott und Ammons, die sich den Wettlauf zum Südpol geliefert haben. Also die Menschen, die neueste, raffinierteste Techniken oder Strategien nur benutzen. Der Pionier ist für mich also der größere Begriff.

Würden Sie sich selbst Pionierjournalist nennen?

Ja, das würde ich schon sagen. Wir machen eigentlich alles anders als herkömmliche Medien. Das fängt mit unserem Medienschiff an. Wir sind unterwegs, fließend. Transparent bis hin zur Werbefinanzierung. Papierlosigkeit. Leserpartizipation.

Fahrendes Konzert auf der Spree

Ist ihr Schiff zu der „medialen Wertschöpfungskette“ geworden, die Sie angestrebt haben?

Ja. Sind wir nach einem halben Jahr schon zu 100 Prozent dort, wo wir hinwollen? Das bestimmt noch nicht. Aber es entwickelt sich genau in diese Richtung. Neulich hatte ich zwei Musikerinnen zu Besuch auf der Pioneer One. Die beiden haben verfemte Komponisten entdeckt, die von den Nazis erst verboten und später getötet wurden. Aus dem Interview haben wir einen Podcast gemacht und wir haben darüber geschrieben. Am Jahrestag zur Befreiung von Auschwitz werden die beiden Frauen hier an Bord das Konzert der verfemten Komponisten spielen (Anm. d. Red.: Das Interview wurde bereits am 7. Dezember 2020 geführt). Das werden wir live streamen und für Podcast und Video aufbereiten.

Wir wollen bei solchen Events alle Darreichungsformen, die medial möglich sind, ausprobieren. Für die nächste Saison planen wir außerdem eines der größten Open-Air-Konzerte. Die Menschen müssen nicht mehr zur Bühne kommen. Die Band fährt auf dem Schiff 20 Kilometer durch Berlin und kommt so zu den Menschen. In die Quartiere des sozialen Wohnungsbaus genauso, wie in die Lofts der Kreativszene. Die Band spielt auf dem Schiff, und auf dem Handy kann man im Stream verfolgen wo, wer, wann welchen Song spielt. Aber man kann auch das Fenster aufmachen und so zuhören. Wir wollen mediale Verbindungen schaffen. Das Schiff dient als Ausgangspunkt für Content, um das Publikum hybrid, also digital und in „real life“, zu erreichen.

Journalismus in live und konserviert

Also machen Sie Eventjournalismus?

Eher nicht. Ein Event ist für mich eher eine für sich geschlossene Veranstaltung. Die mediale Verbreitungs- und Wertschöpfungskette ist hier breiter angelegt und insofern sehr viel differenzierter. Ich würde es vielleicht Livejournalismus nennen, oder besser Multimediajournalismus. Es beginnt live. Aber dann wird es eingefroren, medial aufbereitet, verschönert, geschnitten, gemacht, getan und somit letztlich konserviert. Damit wird es für mehr Menschen zugänglich gemacht als nur für diejenigen, die an dem Tag live dabei waren.

Haben sie im vergangenen Jahr, seit das Schiff zu Wasser gelassen wurde, etwas dazugelernt?

Ja, eine Menge. Wie das eben so ist. Was ich wirklich dazugelernt habe, ist, dass es in Deutschland nicht so leicht ist, Aktien zu begeben. Denn der Anlegerschutz wird sehr groß geschrieben. Außerdem wird die Lust der Menschen, sich zu beteiligen und Risiken einzugehen, geringer eingeschätzt als sie tatsächlich ist. Also hat der Gesetzgeber unfassbare Bürokratie und auch Kosten davor gebaut. Trotzdem haben wir es hingekriegt: Zehn Prozent unserer Company sind im Besitz der Leser.

Zielgruppe “mindstretching people”

Wie schwer ist es Lesergelder für neue Ideen zu gewinnen?

Gar nicht schwierig. Wir waren innerhalb kürzester Zeit nicht nur ausverkauft, sondern überausverkauft. Wir machen vinkulierte Namensaktien. Das heißt, wir können uns die Aktionäre selber aussuchen, anders als an der Börse. Das ging auch deshalb, weil die Bereitschaft zu investieren im Bürgertum so groß war.

Hat Pionierjournalismus eine bestimmte Zielgruppe?

Ja, ich habe dafür den Begriff dafür von „Zanny“ Minton Beddoes geklaut. Sie ist Chefredakteurin des Economist und in meinen Jahren in Washington war sie meine Nachbarin. Zanny definiert die Zielgruppe des Economist als „mindstretching people“. Wir machen Dehnübungen für den Kopf. Und „mindstretching people“ sind Menschen unterschiedlichen Alters, Geschlechts und Berufs. Das umfasst eine Spannbreite vom Professor, dem Bürgertum über Studenten, bis hin zu aufgeweckten Kindern jeden Alters.

Mit der Bezeichnung „Entscheider“ aus den klassischen Medien ist das nicht zu definieren. Ab einem Alter von 45 Jahren und einer Einkommensgröße von 70-80.000€ Jahresgehalt ist man sogenannter „Entscheider“. Dann fährt man BMW oder Mercedes und ist mindestens Unterabteilungsleiter bei Siemens oder SAP. So würde ich das heute nicht mehr definieren. Deswegen finde ich den Begriff von Zanny besser. „Mindstretching people“ sind die Zielgruppe von Pionierjournalismus. Das sind Leute, die bereit sind, einen neuen Weg mitzugehen. Die können 90 sein, oder aber auch 19.

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